
Kärcher-Chef schlägt Alarm: „Europa ist sehr brav“

Der Chef des schwäbischen Familienunternehmens Kärcher, Hartmut Jenner, hat in einem Interview eine düstere Diagnose für den deutschen Maschinenbau gestellt. Seit der Jahrtausendwende sei die Unsicherheit für Unternehmer nie größer gewesen als heute, sagte er. Der Hochdruckreiniger-Hersteller aus Winnenden kämpft gleich an mehreren Fronten: Iran-Krieg, Rohstoffknappheit, chinesische Billigkonkurrenz.
Dreifach getroffen: Wie ein Krieg die Fabrik erreicht
Wer glaubt, ein Krieg im Nahen Osten sei weit weg, sollte Jenners Rechnung lesen. Das Kunststoffgranulat koste bis zu 40 Prozent mehr. Der arabische Raum – für Kärcher ein starker Markt – sei seit Februar nicht mehr belieferbar. Und dann fehlten schlicht die Rohstoffe.
Aus der Region stammten dem Interview zufolge 50 Prozent des weltweiten Schwefels, 40 Prozent des Heliums und 70 Prozent des Leichtbenzins Naphtha, das für die Kunststoffherstellung gebraucht wird. Zum 1. Juli musste Kärcher teilweise die Preise erhöhen. Eigentlich, so Jenner, habe man gehofft, die Preise durch Innovation halten oder senken zu können.
Dazu kommen längere Wege: Wegen des Konflikts am Roten Meer nähmen Schiffe den Umweg um Afrika – gut zwei Wochen mehr Fahrzeit, mit Hafenstaus bis zu drei.
Das Solar-Trauma – jetzt droht es dem Maschinenbau
Besonders scharf äußerte sich der Manager zur Konkurrenz aus Fernost. Weil China durch die US-Zölle einen Teil seiner Absatzplattform Amerika verloren habe, dränge die Ware nun nach Europa. Auf die Frage, ob dem Maschinenbau das Schicksal der weitgehend verschwundenen deutschen Solarindustrie drohe, antwortete Jenner mit einem klaren Ja.
„Und Europa ist sehr brav, wehrt sich nicht.“
Er verwies auf niedrigere Lohn- und Energiekosten in China und darauf, dass die chinesische Währung nach allgemeiner Einschätzung um 30 Prozent unterbewertet sei. Und er stellte die Frage, welche Regularien chinesische Importeure eigentlich beachten müssten – etwa ein Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz. Er selbst sei eigentlich gegen Zölle, halte Schutzzölle gegen Dumping aber für einige Jahre für nötig.
Bürokratie, Abgaben, Bahnchaos: die hausgemachten Probleme
Beim Bürokratieabbau sehe er keinerlei Fortschritte, sagte Jenner. KI-Kennzeichnungsrichtlinie, digitaler Produktpass, Country-by-Country-Reporting – der Mehrwert erschließe sich ihm nicht, am Ende helfe das nur Wettbewerbern außerhalb der EU. Bei über 21 Prozent Lohnnebenkosten zahle die Firma für einen Euro Lohn 1,21 Euro. Die Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze koste Kärcher im kommenden Jahr einen mittleren einstelligen Millionenbetrag – ohne jeden zusätzlichen Nutzen.
Bitter auch sein Befund zum Staat: Der Einzige, der in Deutschland noch richtig einstelle, sei die öffentliche Hand. Von der neuen Landesregierung in Baden-Württemberg habe er bislang vor allem 60 neue Beamtenstellen registriert.
Und der Zoll-Bumerang aus Washington
Immerhin eine gute Nachricht: Nachdem der Oberste Gerichtshof in den USA Trumps Zölle für unrechtmäßig erklärt hatte, forderte Kärcher eine siebenstellige Summe zurück – rund 80 Prozent seien bereits geflossen. Medienberichten zufolge geht es insgesamt um rund 166 Milliarden Dollar, die US-Importeuren erstattet werden müssen.
Kärcher setzte 2025 rund 3,48 Milliarden Euro um, 86 Prozent davon im Ausland, und beschäftigt 17.000 Menschen. Aus Sicht unserer Redaktion zeigt dieser Fall exemplarisch, wie sehr Standortpolitik über Wohlstand entscheidet. Jenners nüchternster Satz sollte in Berlin und Brüssel hängen: Deindustrialisierung sei immer schlecht – und unumkehrbar.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und stellt weder eine Anlageberatung noch eine Steuer- oder Rechtsberatung dar. Er gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Jeder Anleger ist für seine Entscheidungen selbst verantwortlich und sollte eigenständig recherchieren.
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