
Kehrtwende der Autolobby: VDA ruft jetzt nach Zöllen gegen China!

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) vollzieht eine historische Kehrtwende. Präsidentin Hildegard Müller hält neue Zölle gegen China erstmals ausdrücklich für gerechtfertigt, wenn unfaire Praktiken nachgewiesen seien. Das geht Medienberichten zufolge aus einer Stellungnahme und einem internen Verbandspapier vom 16. September hervor.
Vom Freihandels-Apostel zum Zollbefürworter
Über Jahre war der VDA in Berlin und Brüssel der verlässlichste Anwalt offener Märkte. Hinter ihm stehen mehr als 600 Unternehmen, von Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW bis zu Bosch, ZF und Continental. Wenn diese Lobby ihre Meinung ändert, bewegt sich die Politik.
Müller betont, China bleibe ein wichtiger Absatz- und Bezugsmarkt und ein bedeutender Innovationsstandort. Die Lage habe sich aber grundlegend verändert. Im Handel seien „Ungleichgewichte“ entstanden. Deshalb seien Handelsschutzinstrumente ab einem gewissen Grad an Wettbewerbsverzerrung einsetzbar.
Im internen Papier geht der Verband laut dem Bericht noch weiter. Dort heißt es, WTO-konforme Schutzinstrumente seien bei nachgewiesenen Verzerrungen nicht nur legitim, sondern „notwendig“. Wo die bestehenden Regeln „zu kurz greifen“, sollten zudem „gezielte neue Instrumente“ geprüft werden, und zwar „zeitnah“.
Warum die Industrie die Nerven verliert
Die Gründe liegen in den Bilanzen. Nach Angaben der Unternehmensberatung EY brach der China-Absatz deutscher Hersteller im ersten Halbjahr um 25 Prozent ein. Das Land, das jahrzehntelang als Goldgrube der Branche galt, wird zum Problemfall.
Gleichzeitig drängen chinesische Marken nach Europa. Im Jahr 2021 lag ihr Marktanteil über alle Antriebsarten noch bei 0,5 Prozent, Großbritannien, Norwegen und die Schweiz mitgerechnet. Heute sind es knapp zehn Prozent. Vorn liegen BYD, Chery und SAIC mit der Marke MG, ausgerechnet ein Partner von VW.
Das Schlupfloch der Plug-in-Hybride
Seit Mitte 2024 erhebt die EU Ausgleichszölle auf subventionierte chinesische Elektroautos. Pekings Hersteller reagierten schnell: Sie liefern nun verstärkt Plug-in-Hybride, für die bislang keine Strafzölle gelten. Diese Lücke will Brüssel schließen. Die 27 Staats- und Regierungschefs haben der Vorbereitung entsprechender Zölle bereits zugestimmt.
Laut Industriekreisen hatte Volkswagen zuvor ein härteres Vorgehen gegen Chinas Subventionspolitik gefordert. BMW und Mercedes sollen diese Linie mittragen, sich öffentlich aber zurückhalten, weil sie Vergeltung fürchten.
Peking droht, Berlin zögert nicht mehr
China reagiert mit den üblichen Warnungen. Handelsminister Wang Wentao habe Müller bei einem Treffen in Peking vor Protektionismus gewarnt. Außenminister Wang Yi mahnte in einem Telefonat mit Johann Wadephul, zwischen strategischen Partnern solle es „kein Handelskrieg“ geben. Deutschland möge eine „rationale und pragmatische Haltung“ bewahren.
Dass ausgerechnet Peking Offenheit anmahnt, hat eine gewisse Ironie. Westliche Autobauer mussten in China jahrzehntelang Gemeinschaftsunternehmen mit lokalen Partnern eingehen, wenn sie dort produzieren wollten. Vizekanzler Lars Klingbeil hat dieses Prinzip nun für Europa ins Spiel gebracht. Bei einem Besuch in Wolfsburg sprach er sich außerdem für Zölle auf Hybride „made in China“ aus, verknüpft mit Vorgaben zur Produktion in Europa.
Der Ball liegt bei Merz
Am 8. und 9. Oktober will EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič in Peking erneut mit Wang Wentao verhandeln. Parallel bereitet Brüssel eine Schutzmaßnahme vor, mit der Zölle deutlich schneller verhängt werden könnten als über klassische Antidumping-Verfahren. Beim Stahl kommt dieses Instrument bereits zum Einsatz. Nötig ist allerdings der offizielle Antrag eines Mitgliedstaats. Bundeskanzler Friedrich Merz hätte dafür nun die Rückendeckung der Industrie.
Zölle allein retten keine Branche
Selbst Müller räumt ein, dass Europa zuerst selbst wettbewerbsfähiger werden müsse. Genau hier liegt der wunde Punkt. Hohe Energiepreise, ausufernde Bürokratie und Brüsseler Vorgaben haben die Autoindustrie geschwächt, lange bevor chinesische Konkurrenz zum Problem wurde. Zölle können ihr Zeit verschaffen. Die Standortprobleme muss die Politik in Berlin und Brüssel aber selbst lösen.
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