
Lauterbachs neuester Erklärungsversuch: Wenn Islamisten plötzlich zu Moskaus Marionetten werden

Karl Lauterbach ist zurück – nicht als Minister, sondern als Deuter der Weltlage. Auf der Plattform X hat der frühere Bundesgesundheitsminister eine These in den Raum gestellt, die man sich in ihrer Kühnheit kaum ausdenken könnte: Es sei „sehr auffällig“, dass es unmittelbar vor Wahlen mehr Anschläge gebe – und „sehr denkbar“, dass ausländische Kräfte hier einwirkten. Der Anlass: der islamistische Terroranschlag auf den Berliner Christopher Street Day. Die Schlussfolgerung: Schuld ist womöglich jemand ganz anderes.
Der Steilpass kam vom Parteifreund
Lauterbach hatte sich Aussagen seines SPD-Kollegen Sebastian Fiedler zu eigen gemacht. Der Innenpolitiker hatte im Sender Phoenix von einer „heftigen Auffälligkeit“ gesprochen: Seit 2024 häuften sich Anschläge kurz vor Wahlterminen. Er nannte Solingen, Mannheim, München und jenen Anschlag in Berlin, der sich zwei Tage vor der Bundestagswahl ereignete. Und nun, so Fiedler, laufe eben ein heißer Wahlkampf in Sachsen-Anhalt.
Man kenne inzwischen in vielen Fällen die Motivation der Täter, räumte Fiedler ein. Zugleich behauptete er, in zahlreichen Fällen habe es Personen gegeben, die die Täter im Hintergrund angeleitet hätten – über die man allerdings „herzlich wenig bis gar nichts“ wisse. Er verwies auf die hybride Kriegsführung Russlands, auf Einflussoperationen, auf Kontakte in dschihadistische Netzwerke, auf Proxys, die den tatsächlichen Urheber verschleierten. Sein „dickstes Fragezeichen“ sei, ob das alles Zufall sei. Antworten könnten nur die Auslandsnachrichtendienste liefern – weshalb er, ganz überraschend, mehr Befugnisse für diese Dienste forderte.
Mehr Befugnisse – die Standardantwort auf jede Krise
Bemerkenswert ist das Muster. Am Ende jeder solchen Argumentationskette steht in Deutschland stets derselbe Wunsch: mehr Überwachung, mehr Zugriff, mehr Staat. Nicht mehr Konsequenz bei Abschiebungen. Nicht mehr Härte gegenüber jenen, die längst als Gefährder erfasst sind. Sondern mehr Befugnisse gegenüber allen. Wer den Fall des Berliner CSD-Attentäters verfolgt hat, weiß: Der Mann stand offenbar unter Beobachtung – und entwischte dennoch. Das ist kein Erkenntnisproblem der Nachrichtendienste. Das ist ein Vollzugsproblem des Staates.
Der Islamismus-Experte widerspricht ungewöhnlich deutlich
Für Lauterbachs Ausflug in die Geopolitik gab es prompt Gegenwind. Der Extremismus-Experte Ahmad Mansour, gewiss kein Mann des rechten Randes, fand Worte, die selten so unmissverständlich fallen.
„Wie weit von der Realität muss man eigentlich entfernt sein, um einen solchen Unsinn zu verbreiten?“
Wer sich mit Studien, mit den Sicherheitsbehörden oder einfach mit der Lage an deutschen Schulen und Universitäten beschäftige, so Mansour, wisse, dass islamistische Radikalisierung eine reale und ernstzunehmende Herausforderung sei. Wer die Anschläge der vergangenen Jahre nüchtern betrachte, erkenne das erhebliche Radikalisierungspotenzial. Man müsse nur bereit sein, Fakten zur Kenntnis zu nehmen. Dieser letzte Satz war, das darf man unterstellen, keine allgemeine Bemerkung, sondern eine Adresse.
Warum diese Debatte so entlarvend ist
Man muss die Möglichkeit ausländischer Einflussoperationen keineswegs bestreiten. Hybride Kriegsführung ist Realität, Desinformation ist Realität. Doch der entscheidende Punkt bleibt: Wer ein Messer in eine Menschenmenge trägt, tut das aus einer Ideologie heraus, die in Deutschland gewachsen ist – in Hinterhofmoscheen, in Chatgruppen, in Milieus, die man jahrzehntelang lieber nicht angerührt hat, um nicht in den Verdacht der Unfreundlichkeit zu geraten. Die Suche nach dem fernen Drahtzieher hat einen praktischen Nebeneffekt: Sie entlastet jene, die im Inneren versagt haben.
Und sie kommt zum passenden Zeitpunkt. In Sachsen-Anhalt wird gewählt, die Umfragen gefallen den Regierungsparteien nicht, und in solchen Lagen wächst die Versuchung, den Wählerzorn über importierte Gewalt als das Ergebnis fremder Manipulation zu deuten. Wer so argumentiert, sagt den Bürgern implizit: Eure Wut ist gesteuert. Selbst Bundesinnenminister Dobrindt hat der These vom taktischen Terror vor Wahlen inzwischen widersprochen.
Vertrauen ist die härteste Währung – und sie schmilzt
Die Kriminalitätsstatistik dieses Landes ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen: einer über Jahre praktizierten Grenzpolitik ohne Kontrolle, einer Justiz am Rande der Erschöpfung, einer Polizei, die verwaltet statt durchsetzt. Dass ein Großteil der Bürger das inzwischen ähnlich sieht, zeigt jede Umfrage. Es ist nicht allein die Auffassung unserer Redaktion – es ist die Auffassung einer Mehrheit, die sich in Berlin nicht mehr repräsentiert fühlt. Was dieses Land bräuchte, wären Politiker, die für Deutschland regieren, nicht gegen es.
Wenn der Staat seine Kernaufgabe – den Schutz von Leib und Leben – nicht mehr zuverlässig erfüllt und stattdessen Erklärmodelle für die eigene Untätigkeit exportiert, schwindet Vertrauen. Nicht nur in die Sicherheit, sondern in die Institutionen insgesamt. Historisch war es in solchen Phasen stets ein bewährter Reflex, einen Teil des Vermögens dem Zugriff und den Launen der Politik zu entziehen. Physisches Gold und Silber sind keine Antwort auf gesellschaftliche Verwahrlosung. Aber sie sind eine der wenigen Anlageformen, die von politischen Erzählungen unabhängig bleiben – Substanz, die man in der Hand hält, während man den Erklärungen aus Berlin zuhört.
Hinweis: Dieser Beitrag stellt keine Anlageberatung dar. Er spiegelt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wider. Jede Anlageentscheidung erfordert eigene Recherche und erfolgt in eigener Verantwortung; für Vermögensverluste wird keine Haftung übernommen.

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