
Machtkampf im Ländle: Wer erbt Kretschmanns grünen Thron?

Baden-Württemberg steht vor einer Zeitenwende. Am Sonntagmorgen öffneten die Wahllokale im Südwesten, und rund 7,7 Millionen Wahlberechtigte sind aufgerufen, über die künftige Zusammensetzung des Landtags zu entscheiden. Es ist eine Wahl, die weit über die Landesgrenzen hinaus Signalwirkung entfalten dürfte – denn sie markiert das Ende einer Ära.
Das Ende der Ära Kretschmann
Winfried Kretschmann, der dienstälteste grüne Ministerpräsident der Republik, tritt nicht mehr an. Seit 2011 führte er das wirtschaftsstarke Bundesland – zunächst in einer grün-roten, dann in einer grün-schwarzen Koalition. Sein Abgang hinterlässt ein Vakuum, das nun gefüllt werden will. Die entscheidende Frage lautet: Können die Grünen ohne ihren schwäbischen Übervater überhaupt bestehen, oder war Kretschmann stets größer als seine Partei?
Die letzten Umfragen zeichnen ein denkbar knappes Rennen. CDU und Grüne liegen bei jeweils rund 28 Prozent – Kopf an Kopf, Brust an Brust. Erste belastbare Prognosen werden kurz nach Schließung der Wahllokale um 18 Uhr erwartet.
Özdemir gegen Hagel: Ein ungleiches Duell
Auf grüner Seite soll ausgerechnet Cem Özdemir das Erbe Kretschmanns antreten. Der ehemalige Bundeslandwirtschaftsminister positioniert sich als pragmatischer Realpolitiker in der Tradition seines Vorgängers. Politikwissenschaftler Joachim Behnke von der Zeppelin-Universität Friedrichshafen attestierte Özdemir, er könne sich glaubwürdig als politischer Nachfolger präsentieren, weil „er wie Kretschmann" sei. Ob das als Kompliment oder als Eingeständnis ideologischer Beliebigkeit zu werten ist, sei dahingestellt.
Sein Kontrahent Manuel Hagel, Spitzenkandidat der CDU, hat es offenbar nicht geschafft, sich im Bewusstsein der Wähler ausreichend zu verankern. „Er ist zu blass geblieben", urteilte Behnke unverblümt. Ein vernichtendes Zeugnis für einen Mann, der den Anspruch erhebt, das wirtschaftlich stärkste Flächenland der Republik zu regieren. Dass die CDU unter Friedrich Merz im Bund gerade erst die Regierungsverantwortung übernommen hat, scheint dem Landesverband keinen spürbaren Rückenwind zu verschaffen.
Die FDP kämpft ums politische Überleben
Besonders brisant ist die Wahl für die FDP. Die Liberalen stecken nach dem Desaster der Ampel-Koalition und dem mäßigen Abschneiden bei der Bundestagswahl weiterhin in einer existenziellen Krise. Baden-Württemberg, traditionell liberales Kernland, gilt als letzte Bastion. Sollte die FDP hier scheitern, dürfte auch Parteichef Christian Dürr massiv unter Druck geraten. Man fragt sich unwillkürlich: Wie viele Niederlagen verträgt eine Partei, bevor sie zur politischen Fußnote wird?
Wahlrecht ab 16: Demokratie oder Experiment?
Eine weitere Besonderheit dieser Wahl verdient kritische Beachtung: Erstmals dürfen in Baden-Württemberg auch 16- und 17-Jährige ihre Stimme abgeben. Das Wahlalter wurde bereits 2022 abgesenkt – ein Schritt, den man durchaus kontrovers bewerten darf. Jugendliche, die weder einen Mietvertrag unterschreiben noch einen Kredit aufnehmen dürfen, sollen nun über die politische Zukunft eines ganzen Bundeslandes mitentscheiden. Ob diese Absenkung tatsächlich die demokratische Teilhabe stärkt oder lediglich dem Zeitgeist geschuldet ist, wird sich an der Wahlbeteiligung und den Ergebnissen ablesen lassen.
Fest steht: Baden-Württemberg steht vor einem politischen Umbruch. Die bisherige grün-schwarze Koalition könnte fortgesetzt werden – oder es bilden sich völlig neue Mehrheiten. In Zeiten, in denen Deutschland mit wirtschaftlichen Herausforderungen, einer explodierenden Staatsverschuldung durch das 500-Milliarden-Sondervermögen und wachsenden gesellschaftlichen Spannungen kämpft, wäre dem Südwesten eine Regierung zu wünschen, die wirtschaftliche Vernunft über ideologische Experimente stellt. Die Bürger haben heute die Wahl. Man kann nur hoffen, dass sie sie weise nutzen.

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