
Machtpoker am Kaspischen Meer: Wie Washington Europa in neue Abhängigkeiten treibt
Während Europa noch damit beschäftigt ist, die Scherben seiner gescheiterten Energiepolitik zusammenzukehren, schafft Washington im Südkaukasus vollendete Tatsachen. US-Vizepräsident JD Vance kehrte Mitte Februar mit einem prall gefüllten Koffer an Abkommen aus Armenien und Aserbaidschan zurück – und kaum jemand in Berlin scheint zu begreifen, was diese Deals für den alten Kontinent bedeuten könnten.
Drohnen, Atomdeals und Schiffe: Washingtons Einkaufstour im Kaukasus
Als erster US-Vizepräsident überhaupt bereiste Vance vom 9. bis 11. Februar beide ehemalige Sowjetrepubliken. Was auf den ersten Blick wie diplomatische Routine wirken mag, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als strategischer Paukenschlag. In Jerewan wurden Aufklärungsdrohnen im Wert von elf Millionen Dollar vereinbart, dazu eine zivile Nuklearkooperation und Zusagen für Chipexporte. In Baku folgte ein umfassendes strategisches Partnerschaftsabkommen samt Lieferung von Schiffen für das Kaspische Meer. Das ist keine Symbolpolitik. Das ist knallharte Geopolitik.
Die Kaukasus-Expertin Tinatin Japaridze bringt es auf den Punkt: Washington wolle nicht nur rhetorisch präsent sein, sondern Entwicklungen aktiv mitgestalten. Die Reise sei ein „konkreter Versuch, die sich entwickelnde Politik der Trump-Regierung gegenüber dem Südkaukasus zu operationalisieren". Weniger Reden, mehr Deals – ganz im Stil der zweiten Trump-Administration.
Russlands Schwäche als Washingtons Chance
Man muss kein Geopolitik-Experte sein, um zu verstehen, warum die USA ausgerechnet jetzt in diese Region vorstoßen. Der Krieg in der Ukraine bindet russische Ressourcen in einem Ausmaß, das Moskaus Fähigkeit zur Machtprojektion im sogenannten „nahen Ausland" massiv einschränkt. Nach dem Bergkarabach-Krieg 2023, in dem Aserbaidschan die armenische Enklave in einer Blitzoffensive zurückeroberte, gilt Russlands Glaubwürdigkeit als Sicherheitsgarant in der Region als schwer beschädigt.
Für viele Armenier sei dies ein „strategischer Schock" gewesen, so Japaridze. Die Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS), jenes von Moskau geführte Verteidigungsbündnis, dem Armenien angehört, habe versagt, als es darauf ankam. Die Folge: Jerewan sucht nach alternativen Ankern – und Washington bietet sich bereitwillig an.
Doch Diversifizierung bedeute nicht automatisch einen Blockwechsel, warnt die Analystin. Armenien könne es sich aufgrund seiner geografischen Lage schlicht nicht leisten, alle Nachbarn gleichzeitig zu verprellen. Es gehe vielmehr um „strategische Optionalität" – ein diplomatisches Kunststück auf dem Hochseil zwischen Ost und West.
Der TRIPP-Korridor: Trumps eurasische Seidenstraße
Im Zentrum der amerikanischen Strategie steht ein Infrastrukturprojekt mit dem bezeichnenden Namen TRIPP – Trump Route for International Peace and Prosperity. Dieser Korridor soll den Transit zwischen Zentralasien und Europa ermöglichen, und zwar unter bewusster Umgehung sowohl Russlands als auch des Irans. Die Route führt von Zentralasien über das Kaspische Meer und den Südkaukasus nach Europa – der sogenannte „Mittlere Korridor", der seit Russlands Invasion der Ukraine massiv an Attraktivität gewonnen hat.
Hier zeigt sich die eigentliche Dimension des Geschehens. Washington denkt den Südkaukasus und Zentralasien zunehmend als zusammenhängendes strategisches Feld. Kasachstans Beitritt zu den Abraham Accords, das medial inszenierte Treffen Trumps mit zentralasiatischen Staatschefs – all das fügt sich zu einem Gesamtbild, das man als amerikanische Antwort auf Chinas Belt-and-Road-Initiative lesen kann.
Europas gefährliche Passivität
Und wo bleibt Europa in diesem großen Spiel? Die Antwort ist so ernüchternd wie vorhersehbar: am Spielfeldrand. Während die Trump-Administration mit chirurgischer Präzision strategische Knotenpunkte besetzt, debattiert man in Brüssel über Regulierungen und in Berlin über – nun ja, über alles Mögliche, nur nicht über die tektonischen Verschiebungen in der eurasischen Geopolitik.
Besonders brisant ist die Energiedimension. Japaridze beschreibt eine „doppelte Bewegung": Einerseits forderten die USA mehr europäische Lastenteilung in Sicherheitsfragen, andererseits bauten sie ihre Präsenz in strukturellen Hebelsektoren wie Energie und Infrastruktur gezielt aus. LNG-Lieferketten, Terminals, Transitabkommen, Korridorpolitik – all das präge Abhängigkeiten über Jahrzehnte. Die Frage, ob Washington zum absoluten „Gatekeeper" europäischer Energieversorgung werden wolle, sei vielleicht zu stark formuliert, räumt die Expertin ein. Aber die USA wollten zweifellos „Einfluss auf die Struktur der Diversifizierung behalten".
Für Deutschland, das sich gerade erst mühsam aus der russischen Gasabhängigkeit befreit hat, könnte dies bedeuten, von einer Abhängigkeit in die nächste zu schlittern. Nur dass der neue Lieferant diesmal nicht in Moskau sitzt, sondern in Washington. Ob das ein Fortschritt ist, darf bezweifelt werden.
Georgien als strategisches Bauernopfer?
Auffällig war auch, was auf Vances Reiseplan fehlte: Georgien. Das Land, das sowohl an Armenien als auch an Aserbaidschan grenzt, das eine George-W.-Bush-Avenue in seiner Hauptstadt hat und die euroatlantische Integration in seiner Verfassung verankert – es wurde schlicht übergangen. Japaridze erklärt dies mit „strategischer Sequenzierung": Georgien sei politisch zu komplex, die innenpolitischen Spannungen zu groß, das Verhältnis zum Westen zu ambivalent. Washington priorisiere derzeit jene Konstellationen, „in denen strategische Hebel schneller und klarer wirksam werden können".
Das ist die Sprache der Realpolitik in ihrer reinsten Form. Und es ist eine Sprache, die man in Berlin offenbar verlernt hat – oder nie beherrscht hat.
Die neue Weltordnung entsteht nicht in Brüssel
Was wir im Südkaukasus beobachten, ist nichts weniger als ein Mikrokosmos der sich neu formierenden Weltordnung. Die USA unter Trump agieren transaktional, interessengeleitet und mit bemerkenswerter Geschwindigkeit. Russland ist geschwächt, aber nicht verschwunden. China baut leise seine Infrastruktur-Netzwerke aus. Der Iran bleibt ein unberechenbarer Faktor. Und Europa? Europa schaut zu.
Die neue Große Koalition unter Friedrich Merz wäre gut beraten, diese Entwicklungen nicht als ferne Regionalpolitik abzutun. Wer die Korridore kontrolliert, kontrolliert den Handel. Wer den Handel kontrolliert, kontrolliert die Abhängigkeiten. Und wer die Abhängigkeiten kontrolliert, hat die Macht. Diese Lektion sollte Deutschland nach dem Desaster der Nord-Stream-Politik eigentlich gelernt haben. Doch angesichts eines 500-Milliarden-Euro-Sondervermögens, das vornehmlich in innenpolitische Projekte fließen soll, statt in strategische Außen- und Sicherheitspolitik, darf man daran zweifeln.
„Wir erleben eine transaktionale, interessengeleitete Neustrukturierung des globalen Engagements der USA – und der Südkaukasus ist einer jener strategischen Knotenpunkte, an denen sich diese Neuordnung konkret vollzieht."
So fasst Japaridze die Lage zusammen. Es wäre an der Zeit, dass auch in Berlin jemand zuhört.
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