
Macrons Sonnenbrille: Wie ein geplatztes Äderchen zum PR-Coup wurde

Es mutet beinahe grotesk an, was sich derzeit in der französischen Politik abspielt. Emmanuel Macron, der angeschlagene Präsident der Grande Nation, erlebt einen unerwarteten Popularitätsschub – nicht etwa durch bahnbrechende politische Entscheidungen oder wirtschaftliche Erfolge, sondern durch eine schlichte Sonnenbrille. Was zunächst als peinliches Tuschel-Thema begann, hat sich zu einem regelrechten Medienspektakel entwickelt.
Vom Tiefpunkt zum viralen Phänomen
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Vor seiner Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos dümpelten Macrons Zustimmungswerte bei kläglichen 17 Prozent. Wenige Tage nach seinem Auftritt mit der markanten Sonnenbrille schnellte dieser Wert auf 23 Prozent empor. Das Umfrageinstitut Ifop befragte im Auftrag der Zeitung „L'Opinion" knapp 2000 Franzosen – und das Ergebnis dürfte selbst hartgesottene Politikbeobachter verblüfft haben.
Der Grund für die ungewöhnliche Accessoire-Wahl ist dabei denkbar banal: Mitte Januar platzte dem französischen Präsidenten ein Äderchen im Auge. Seither kaschiert er das blutunterlaufene Sehorgan mit einer Brille, die unweigerlich an Tom Cruise in „Top Gun" erinnert. Was als medizinische Notwendigkeit begann, entwickelte sich zum unerwarteten Imagegewinn.
Trump als unfreiwilliger Popularitätshelfer
Doch die Sonnenbrille allein erklärt den Stimmungsumschwung nicht vollständig. Macron nutzte die Bühne in Davos, um US-Präsident Donald Trump für dessen Drohungen und Äußerungen zu Grönland scharf zu kritisieren. Ifop-Direktor Frédéric Dabi analysiert treffend: „Donald Trump erscheint als ein Gegner, der es Macron in der Bevölkerung ermöglicht, wieder etwas Spielraum und Aufmerksamkeit zu gewinnen."
Bemerkenswert dabei: Selbst Macrons härteste politische Widersacher in Frankreich zollten ihm für seine klaren Worte gegen Trump Respekt. In Zeiten, in denen Europa zunehmend unter Druck gerät und die transatlantischen Beziehungen auf eine harte Probe gestellt werden, scheint ein selbstbewusstes Auftreten gegenüber Washington bei den Franzosen gut anzukommen.
Trump reagiert mit gewohnter Ironie
Der amerikanische Präsident ließ sich natürlich nicht lumpen und kommentierte Macrons Erscheinung auf seine typisch spöttische Art: „Ich habe ihn gestern mit dieser schönen Sonnenbrille gesehen. Was zum Teufel ist passiert?" Der ironische Unterton war unüberhörbar – doch genau solche Scharmützel scheinen Macron derzeit in die Karten zu spielen.
Ein kleiner Brillenhersteller im Ausnahmezustand
Die mediale Aufmerksamkeit hat auch wirtschaftliche Auswirkungen. Das „Wall Street Journal" bezeichnete die Brille gar als „Sensation von Davos". Der kleine französische Hersteller Henry Jullien aus dem Jura wurde von Anfragen regelrecht überrannt. Das 659 Euro teure Modell, von dem normalerweise nur 200 Stück pro Jahr gefertigt werden, ist plötzlich heiß begehrt. Der Onlineshop brach zeitweise zusammen, französische Optiker berichten von einer Flut an Kundenanfragen.
Die Firma, die 2023 nach finanziellen Schwierigkeiten vom italienischen Unternehmen iVision Tech übernommen wurde, erwägt nun eine Produktionsausweitung. Ein unerwarteter Geldsegen, ausgelöst durch ein geplatztes Äderchen im Präsidentenauge.
Virale Hits und tanzende Massen
In den sozialen Medien entwickelte Macrons Auftritt ein bemerkenswertes Eigenleben. Besonders seine eigenwillige Aussprache des englischen Ausdrucks „for sure" – die klang, als enthielte sie keinen Vokal, dafür aber umso mehr R-Laute – ging viral. Instagram und andere Plattformen quellen über vor Comedy-Videos und musikalischen Remixen.
Der französische DJ Bens mit seinen 350.000 Followern verwandelte Macrons Davos-Rede kurzerhand in einen House-Track. In einem Club in Montpellier rissen junge Menschen zu Macrons Satz „Sometimes it is too slow" die Arme in die Luft und tanzten ausgelassen. Das Video erreichte innerhalb weniger Stunden eine Million Aufrufe. Man stelle sich vor: Der unbeliebteste Präsident Frankreichs seit Jahrzehnten wird zum Clubhit.
Strukturelle Unpopularität bleibt bestehen
Doch bevor Macron-Anhänger in Euphorie verfallen, sei eine ernüchternde Einordnung gestattet. Ifop-Direktor Dabi dämpft die Erwartungen deutlich: Macron bleibe „strukturell unpopulär". Im November 2024 erreichte er mit 16 Prozent Zustimmung seinen bisherigen Tiefstwert und näherte sich damit dem schlechtesten jemals gemessenen Wert in der über 65-jährigen Geschichte dieser Umfragereihe an.
Diesen traurigen Rekord hält nach wie vor François Hollande, der im November 2014 auf lediglich 13 Prozent Zustimmung kam. Im gesamten Befragungszeitraum des Januar-Barometers gaben nur 20 Prozent der Befragten an, mit Macron zufrieden zu sein. Bei allen anderen Präsidenten, die Ifop je analysierte, lagen die Popularitätswerte 15 Monate vor Ende ihrer Amtszeit deutlich höher.
Das Ende einer Ära naht
Macrons Amtszeit endet im Mai 2027. Nach zwei Perioden im Präsidentenamt darf er nicht erneut antreten. Was bleibt, ist das Bild eines Präsidenten, der sein Land durch turbulente Zeiten führte – und dessen größter Popularitätsschub ausgerechnet durch eine Sonnenbrille und ein geplatztes Äderchen ausgelöst wurde.
Die Episode offenbart einmal mehr, wie oberflächlich politische Wahrnehmung mitunter sein kann. Während Frankreich mit wirtschaftlichen Problemen, sozialen Spannungen und einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft kämpft, reicht offenbar ein markantes Accessoire und ein paar scharfe Worte gegen Trump, um die Stimmung zumindest kurzfristig zu heben. Ob das für eine nachhaltige politische Wende reicht, darf bezweifelt werden. Doch eines hat Macron bewiesen: In der modernen Medienwelt kann selbst ein medizinisches Missgeschick zum PR-Coup werden.

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