
Merz in Kiew: Milliarden-Zusage – und ein heikles Geschichtskapitel

Trotz einer unverhohlenen Warnung aus Moskau ist Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am 4. Oktober mit dem Sonderzug in Kiew eingetroffen. Mitgebracht hat er eine Milliarde Euro Militärhilfe und 350 Millionen Euro für das zerbombte ukrainische Stromnetz. Jetzt löst die Reise eine Debatte aus, bei der es nicht mehr nur um Drohnen und Raketen geht.
Luftalarm, Drohnen, Milliarden-Deals
Medienberichten zufolge heulten während des Besuchs fast ein Dutzend Mal die Sirenen. Eine russische Drohne schlug auf der Nordbrücke der Hauptstadt ein, zwei Menschen wurden verletzt. Nur Stunden vor der Ankunft hatte das russische Außenministerium ausländische Diplomaten und Besucher aufgefordert, Kiew zu verlassen.
Begleitet wurde Merz von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und zehn Unternehmern aus der Rüstungs- und Energiebranche. Im Mittelpunkt steht die gemeinsame Produktion von Abfangdrohnen gegen die schnellen russischen Jet-Drohnen vom Typ Geran. Hinzu kommen Raketen mit mehr als 1.000 Kilometern Reichweite und Satellitentechnik für die Zielerfassung. Am Rande des Besuchs sollen Konzerne Rüstungsgeschäfte über rund 8,5 Milliarden Euro abgeschlossen haben.
„Herr Putin, hören Sie diesen sinnlosen Krieg auf! Wir sind bereit zu Gesprächen, wir sind bereit, miteinander zu sprechen über das Ende dieses Krieges.“
Der Vorwurf: Geschichtsvergessenheit
Ein Schweizer Wochenmagazin greift den Kanzler jetzt scharf an. Die Argumentation: Als die Wehrmacht 1941 die Sowjetunion überfiel, hätten ukrainische Nationalisten bereitwillig an ihrer Seite gestanden. In Moskau sei das bis heute nicht vergessen. Stelle sich ein deutscher Regierungschef ausgerechnet in Kiew gegen Russland, rufe das dort äußerst unangenehme Erinnerungen wach.
Dem Kommentar zufolge ist das nicht der erste Fehltritt dieser Art. Ein deutscher Kanzler, der die Geschichte seines Landes aus dem Blick verliere, begehe keinen läppischen Fauxpas. Ein harter Vorwurf. Aber trifft er zu?
Was historisch stimmt – und was fehlt
Der Kern ist belegt. Teile der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) um Stepan Bandera arbeiteten 1941 mit der Wehrmacht zusammen, etwa in den Bataillonen „Nachtigall“ und „Roland“. 1943 stellte die SS die Division „Galizien“ auf. Allerdings ließen die deutschen Besatzer Bandera schon 1941 verhaften und im KZ Sachsenhausen festsetzen, nachdem er einen eigenen ukrainischen Staat ausgerufen hatte.
Und das ist nur ein Teil der Geschichte. Die Ukraine war einer der blutigsten Schauplätze des Vernichtungskriegs. In der Schlucht von Babyn Jar bei Kiew ermordeten Deutsche im September 1941 binnen zwei Tagen mehr als 33.000 Juden. Millionen Ukrainer kämpften in der Roten Armee, Millionen starben. Der Kreml nutzt das Bandera-Kapitel seit Jahren gezielt für sein Narrativ von der angeblichen „Entnazifizierung“. Wer Geschichte ernst nimmt, muss deshalb beide Seiten der Medaille sehen.
Die eigentliche Frage: Wer zahlt die Rechnung?
Aus Sicht unserer Redaktion liegt das größere Problem ohnehin woanders. Deutschland gilt als größter Unterstützer der Ukraine in Europa. Gleichzeitig kommt die heimische Wirtschaft nicht vom Fleck, und die Regierung Merz türmt über Sondervermögen neue Schulden auf. Und das, obwohl der Kanzler einst solide Finanzen versprochen hatte.
Merz begründet die Hilfe mit nationalem Eigeninteresse. Russlands Kriegsmaschinerie werde sich, wenn man sie nicht stoppe, „früher oder später gegen uns“ richten. Außerdem sollen deutsche Firmen von Rüstungsprojekten und dem Wissenstransfer profitieren. Dafür gibt es nachvollziehbare Gründe. Offen bleibt jedoch, wie lange die Steuerzahler diese Last noch mittragen wollen.
Gleichzeitig planen die USA laut Selenskyj schon im Oktober neue Dreiergespräche mit Kiew und Moskau. Sollte dort tatsächlich verhandelt werden, sitzt Berlin womöglich nur am Katzentisch. Viele Bürger dürften sich dann eine unbequeme Frage stellen: Was hat Deutschland für seine Milliarden eigentlich bekommen?

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