
Nvidia-Boss watscht Deutschland ab: „Macht euch einfach an die Arbeit“

Jensen Huang, Chef des wertvollsten Chipkonzerns der Welt, hat Deutschland öffentlich die Leviten gelesen. Am Mittwochabend sagte der 63-Jährige vor Journalisten in London, es tue ihm weh, wie weit das Land technologisch zurückgefallen sei. Nur wenige Tage später steht er in Berlin neben Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Dort soll ein KI-Pakt verkündet werden, für den Steuergeld fließt.
Ein Satz, der sitzt
Huangs Analyse fiel unbequem aus. Nichts schmerze ihn ehrlich gesagt mehr, als mitanzusehen, wie eines der fortschrittlichsten Länder technologisch derart abgehängt werde. Als Ursache nannte er die Neigung der Europäer, alles zu sehr zu zerdenken. Sein Rat an die Deutschen passt in eine Zeile:
„Macht euch einfach an die Arbeit.“
Das trifft einen Nerv. Wer heute in Deutschland ein Rechenzentrum, eine Fabrik oder auch nur eine Windkraftanlage bauen will, kämpft sich durch Genehmigungsverfahren, Datenschutzauflagen und EU-Vorgaben wie den AI Act. Viele Unternehmer sehen Deutschland eher als Weltmeister im Bedenkenträgertum als im Erfinden. Jetzt sagt ihnen das ein Mann, dessen Unternehmen an der Börse mit mehr als fünf Billionen Dollar bewertet wird.
Auftritt am Alexanderplatz
Huang tourt derzeit durch Europa. In London gab er Beteiligungen an fünf britischen Startups bekannt. Am Freitagabend kam er ins Gaming-Zentrum Xperion in der Saturn-Filiale am Berliner Alexanderplatz. Dort ging der Verkauf der ersten Windows-Laptops mit Nvidias neuem KI-Chip RTX Spark los.
Vor rund 500 Besuchern nannte Huang Deutschland den größten europäischen Standort seines Konzerns. Der Abend war zugleich der Auftakt für Nvidias Entwicklerkonferenz GTC, die vom 20. bis 22. Oktober in Berlin stattfindet.
Steuermillionen für amerikanische Chips
Brisant wird es am Montag. Zum Start des Investitionsgipfels „Invest in Germany“ wollen Merz und Huang eine KI-Partnerschaft zwischen Bund und Nvidia vorstellen. Medienberichten zufolge legt die Bundesregierung einen dreistelligen Millionenbetrag auf den Tisch. Das Geld soll aus Mitteln der Hightech-Agenda des Bundes stammen und vor allem in Rechenkapazität der „Industrial AI Cloud“ der Deutschen Telekom fließen. Nvidia soll Chips liefern und Ingenieure schicken.
Mitmachen wollen rund ein Dutzend deutscher Firmen, darunter Siemens, Audi und das KI-Unternehmen Black Forest Labs. Im Mittelpunkt steht die sogenannte physische KI, also Systeme, die Roboter, autonome Fahrzeuge und automatisierte Fabriken steuern. Hier hat Deutschland mit Maschinenbau und Autoindustrie tatsächlich etwas vorzuweisen.
Erst privat, jetzt mit Staatsgeld
Kritiker dürften genau hinsehen. Die Münchner Telekom-Cloud mit rund 10.000 Nvidia-Prozessoren wurde im November 2025 als privatwirtschaftliches Projekt angekündigt und läuft inzwischen. Warum dafür nun Steuergeld nötig ist, darüber wird zu reden sein. Die Regierung spricht von einer „Anschubfinanzierung“. Weniger wohlwollend formuliert: Der Steuerzahler mietet Rechenleistung, an der ein US-Konzern kräftig verdient.
Souverän mit Chips aus Taiwan?
Im ZDF warb Huang für das Projekt. Deutschland bleibe souverän, solange Daten und Anwendungen im Land blieben. Was auf den Systemen laufe, solle in Deutschland bereitgestellt werden, so behalte man die Kontrolle über die eigenen Daten.
Das klingt beruhigend. Zur ganzen Wahrheit gehört aber, dass Nvidia seine Chips in den USA entwirft und TSMC sowie andere Hersteller sie in Taiwan fertigen. Die Hardware, das Herz der KI, kommt also weiter aus dem Ausland. In Zeiten von Trumps Zollpolitik und Spannungen rund um Taiwan ist das keine Kleinigkeit.
Auch die Energiefrage räumte Huang ein. Strom sei extrem teuer, sagte er. Deshalb müssten die effizientesten Rechner zum Einsatz kommen. Für eine Regierung, die viel ankündigt, aber bei den Energiepreisen kaum Entlastung bringt, ist das eine deutliche Botschaft. Huangs Appell richtet sich deshalb wohl weniger an die Ingenieure im Land als an die Politik in Berlin.
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