
Piep-Terror im Auto: Dacia-Chefin rechnet mit Brüssel ab

Die Chefin des Renault-Ablegers Dacia, Katrin Adt, hat die wachsende Regulierungsdichte in der europäischen Autoentwicklung scharf kritisiert. In einem Interview mit dem britischen Fachmagazin „Autocar“ sagte sie, der Knopf zum Abschalten der Warntöne sei der „meistgenutzte Knopf“ in den Fahrzeugen der Marke. Ein Satz, der wie eine Ohrfeige für die Brüsseler Sicherheitsbürokratie wirkt.
Rund 100 Vorschriften – und 107 kommen noch dazu
Adt zufolge muss Dacia beim Autobau bereits heute etwa 100 Vorgaben zu Sicherheit und Emissionen erfüllen. Bis zum Ende des Jahrzehnts kämen laut ihrer Aussage weitere 107 Regeln hinzu. Die Zahl der zu berücksichtigenden Vorschriften würde sich damit bis 2029 mehr als verdoppeln.
Was das kostet, beziffert die Managerin unmissverständlich: Ein Viertel des Forschungs- und Entwicklungsbudgets und ein Viertel der Ingenieure seien allein für die Erfüllung dieser Auflagen eingeplant. Ingenieure, die keine besseren, schöneren oder günstigeren Autos entwickeln – sondern Paragrafen abarbeiten.
„Die Frage ist: Entspricht das wirklich den Bedürfnissen und Wünschen der Kunden?“
Diese rhetorische Frage stellte Adt gegenüber „Autocar“ – und beantwortete sie mit dem Hinweis auf das reale Verhalten der Fahrer, die die Piepserei reihenweise wegdrücken.
Bittgang nach Brüssel: Regulierungsstopp für Kleinwagen
Dacia hat sich nach Angaben der Chefin gemeinsam mit anderen Herstellern an die EU-Kommission gewandt. Man habe um einen Regulierungsstopp für Kleinwagen gebeten, um überhaupt noch bezahlbare Mobilität anbieten zu können, erklärte sie.
Der Hintergrund ist bekannt: Jedes zusätzliche Kamerasystem, jeder Sensor, jede Software-Zulassung schlägt auf den Preis durch. Bei einem Kleinwagen trifft das prozentual am härtesten. Wer 15.000 Euro für ein Auto ausgibt, spürt 500 Euro Regulierungskosten deutlich stärker als der Käufer einer Oberklasselimousine. Am Ende zahlt der Pendler, die junge Familie, der Handwerker.
Seit Juli 2024 gilt die neue Sicherheitsverordnung
Berichten und offiziellen Vorgaben zufolge müssen Neuwagen in der EU seit Juli 2024 ein ganzes Paket an Assistenzsystemen an Bord haben – darunter den intelligenten Geschwindigkeitsassistenten (ISA), einen Notfall-Spurhalteassistenten, einen Notbremsassistenten mit Fußgängererkennung sowie Müdigkeits- und Aufmerksamkeitswarner. Grundlage ist die sogenannte General Safety Regulation, Teil der EU-Strategie „Vision Zero“, die bis 2050 null Verkehrstote anstrebt.
Pikant: Der Tempowarner darf nach dem Regelwerk nicht dauerhaft deaktiviert werden – nach jedem Motorstart meldet er sich zurück. Seit Juli dieses Jahres gelten zudem verschärfte Vorgaben für Systeme, die eine Ablenkung des Fahrers erkennen sollen.
Ein Knopf als Misstrauensvotum
Bei vielen Dacia-Modellen lassen sich mehrere dieser Funktionen über die Taste „My Safety“ gemeinsam konfigurieren. Genau dieser Knopf ist laut Adt der meistgenutzte im Auto.
Aus Sicht unserer Redaktion ist das mehr als eine Anekdote aus dem Cockpit. Es ist ein Alltagsvotum gegen eine Regulierungsphilosophie, die den mündigen Bürger offenbar für ein permanent zu ermahnendes Wesen hält. Sicherheit ist ein hohes Gut – aber wenn ein Viertel der Ingenieurskapazität eines Herstellers in Paragrafen versickert, während die Autos immer teurer werden, stellt sich die Frage nach Maß und Mitte.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Er stellt keine Rechts- oder Anlageberatung dar.
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