
Rhein auf Rekordtief: Kabinett streitet – Ausbaggern oder Renaturieren?

Deutschlands wichtigste Wasserstraße trocknet aus – und die Bundesregierung streitet über den richtigen Kurs. Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) fordert den Ausbau der Flüsse, Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) den Rückbau. Mitten in der Krise erlebt das Land damit ein Lehrstück über zwei völlig gegensätzliche Weltbilder in einem Kabinett.
Ein Minister will tiefer, der andere naturnäher
Nach einer digitalen Schalte mit den Verkehrsministern der Länder erklärte Bilger, man müsse die Wasserstraßen leistungsfähiger machen und zugleich die Schiffe fit für wasserarme Zeiten. Ausbauprojekte würden vorangetrieben, die Förderung niedrigwasseroptimierter Schiffe fortgesetzt – der Umweltschutz bleibe dabei „stets im Blick“.
Schneider hält dagegen. Eine Vertiefung der Flüsse könne nicht die Antwort sein, sagte er in Berlin. Nötig sei ein Rückbau:
„weg von Kanälen hin zu natürlichen Flüssen mit mäandernden Flussarmen, mit Flussauenlandschaften, die das Wasser in der Fläche halten“
Rückendeckung erhält er von Umweltverbänden. Fahrrinnenvertiefungen schadeten mehr, als sie nützten, erklärte eine WWF-Vertreterin; das Wasser fließe dann noch schneller in Nord- und Ostsee ab. Der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt sprach davon, das Ausbaggern täusche Handlungsbereitschaft lediglich vor.
Historische Tiefstände – die Industrie zittert
Die Fakten sind ernüchternd. Am Rhein wurden am Wochenende in Nordrhein-Westfalen historische Tiefstände gemessen. Am Richtpegel Kaub sank der Wasserstand Medienberichten zufolge zuletzt auf rund zwölf Zentimeter – deutlich unter den bisherigen Rekord von 25 Zentimetern. Der Verband der Binnenschiffer rechnet damit, dass der Rhein im Laufe dieser Woche nicht mehr durchgängig befahrbar sein dürfte.
Die Donau ist nach Angaben des bayerischen Verkehrsministeriums ab Regensburg bereits jetzt nicht mehr wirtschaftlich befahrbar. Bayerns Ressortchef Christian Bernreiter (CSU) verlangt einen „konsequenten und entschlossenen“ Ausbau – Lieferengpässe gebe es glücklicherweise noch keine.
Warum 150 Lkw kein Binnenschiff ersetzen
Acht Bundesländer hatten das Sonntagsfahrverbot für Lkw bereits gelockert, am Mittwoch zogen Berlin und Brandenburg nach. Viel bringen dürfte das nach Einschätzung des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft nicht: Ein Ökonom des IW erklärte dem „Spiegel“, mit einer messbaren Verlagerung auf die Straße rechne er nicht. Für ein einziges Binnenschiff brauche es 150 Lkw oder mehr – und Mineralölprodukte, Kies, Erz oder Chemikalien lasse eben nicht jeder Lastwagen zu.
Was auf dem Spiel steht, zeigt der Blick zurück: Das Dürrejahr 2018 drückte laut Kieler Institut für Weltwirtschaft die Industrieproduktion in der Spitze um rund 1,5 Prozent, aufs Jahr gerechnet blieben etwa 0,4 Prozent Wirtschaftsleistung liegen. Das IW warnt aktuell erneut vor einem Minus in ähnlicher Größenordnung – in einer Wirtschaft, die ohnehin kaum wächst.
Streit statt Strategie
Aus Sicht unserer Redaktion offenbart der Konflikt ein grundsätzliches Problem: Während die Industrie um Nachschub bangt, verhandelt das Kabinett Grundsatzfragen. Renaturierung mag über Jahrzehnte wirken – Schiffe, die heute festliegen, hebt sie nicht an. Beobachter fragen deshalb zu Recht, warum Deutschland seine Infrastruktur jahrelang verwalten statt ertüchtigen ließ.
Für Anleger ist die Lehre unbequem: Lieferketten sind verletzlicher, als Bilanzen suggerieren. Wer sein Vermögen breit aufstellt, zieht daraus oft den Schluss, neben Produktivkapital auch physische Edelmetalle als krisenfeste Beimischung zu halten.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Er gibt unsere Einschätzung auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Jeder Leser trifft seine Anlageentscheidungen eigenverantwortlich und sollte eigene Recherchen anstellen.

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