
Rubio auf dem Weg nach München: Washingtons neue Europastrategie nimmt Gestalt an
Die diesjährige Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) verspricht, ein diplomatisches Schwergewicht zu werden – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. US-Außenminister Marco Rubio hat seine Teilnahme an dem prestigeträchtigen Sicherheitsforum bestätigt, das vom 13. bis 15. Februar stattfinden wird. Was auf den ersten Blick wie eine routinemäßige diplomatische Pflichtübung wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein kalkulierter Schachzug der Trump-Administration.
Washingtons neue Lieblinge in Europa
Besonders aufschlussreich ist nicht nur Rubios Anwesenheit in München, sondern vor allem sein anschließendes Reiseprogramm. Der US-Chefdiplomat wird direkt nach der Konferenz nach Bratislava und Budapest weiterreisen – zu den Regierungen der Slowakei und Ungarns. Zwei Länder, die in Brüssel seit Jahren als unbequeme Querdenker gelten. Zwei Länder, deren nationalkonservative Regierungen den ideologischen Gleichschritt der EU-Eliten konsequent verweigern.
Der stellvertretende Sprecher des US-Außenministeriums, Tommy Pigott, erklärte, Rubio werde dort über das amerikanische Engagement zur Lösung globaler Konflikte sowie über Energiepartnerschaften sprechen. Hinter dieser diplomatischen Floskel verbirgt sich eine handfeste geopolitische Strategie: Die USA wollen ihre „Energiedominanz" wiederherstellen – so steht es schwarz auf weiß in der neuen Sicherheitsstrategie der Trump-Regierung.
Energiepolitik als geopolitische Waffe
Sowohl die Slowakei als auch Ungarn importieren nach wie vor russisches Öl und haben angekündigt, gegen den für 2027 geplanten Gas-Stopp der EU juristisch vorzugehen. Hier wittert Washington eine Chance. Statt diese Länder – wie es Brüssel seit Jahren praktiziert – zu belehren und zu sanktionieren, bietet die Trump-Administration eine Alternative an: amerikanische Energielieferungen. Ein klassisches Win-win-Geschäft, das gleichzeitig Russlands Einfluss in Europa zurückdrängen und Amerikas wirtschaftliche Position stärken würde.
Man muss kein Geopolitik-Experte sein, um zu erkennen, dass dieser Ansatz deutlich pragmatischer ist als das moralisierende Zeigefinger-Heben, das man aus Brüssel gewohnt ist. Während die EU-Kommission Ungarn und die Slowakei regelmäßig an den Pranger stellt, reicht ihnen Washington die Hand – freilich nicht aus reiner Nächstenliebe, sondern aus wohlverstandenem Eigeninteresse.
Patriotische Parteien als „Anlass zu großem Optimismus"
Bemerkenswert offen formuliert die neue US-Sicherheitsstrategie, was in europäischen Hauptstädten für erhebliche Nervosität sorgen dürfte: Der wachsende Einfluss patriotischer europäischer Parteien gebe „Anlass zu großem Optimismus". Die USA wollten ihre „politischen Verbündeten in Europa" unterstützen und dem Kontinent helfen, „seinen derzeitigen Kurs zu korrigieren". Deutlicher kann man kaum formulieren, dass Washington den linksliberalen Konsens in der EU als gescheitert betrachtet.
Und tatsächlich – wer die politische Landkarte Europas betrachtet, erkennt einen unübersehbaren Trend. Über ein Viertel der Sitze im EU-Parlament wird mittlerweile von rechtskonservativen und konservativen Kräften besetzt. In Italien regiert Giorgia Meloni, in den Niederlanden hat Geert Wilders maßgeblichen Einfluss, und in Frankreich ist Marine Le Pen eine politische Größe, an der niemand mehr vorbeikommt. Die Zeiten, in denen Brüsseler Technokraten ungestört ihre Agenda durchsetzen konnten, scheinen endgültig vorbei zu sein.
Vance bleibt diesmal fern – die Erinnerung an den Eklat wirkt nach
Interessant ist auch, wer in diesem Jahr nicht nach München kommt. US-Vizepräsident JD Vance, der im vergangenen Jahr auf der MSC für einen handfesten Eklat gesorgt hatte, wird der Konferenz fernbleiben. Sein damaliger Auftritt, bei dem er den europäischen Verbündeten eine drastische Einschränkung der Meinungs- und Redefreiheit vorwarf, hatte für empörte Reaktionen gesorgt – vor allem bei jenen, die sich ertappt fühlten.
Denn so unbequem Vances Worte auch gewesen sein mögen: War seine Kritik wirklich so abwegig? In einer Zeit, in der europäische Regierungen den Digital Services Act verschärfen, Plattformen zur Löschung unliebsamer Inhalte zwingen und der Begriff „Desinformation" zunehmend als Waffe gegen politisch Andersdenkende instrumentalisiert wird, trifft der Vorwurf einen empfindlichen Nerv. Die SPD hatte damals von „Diskreditierungen" gesprochen und sich auf Provokationen eingestellt. Vielleicht wäre es klüger gewesen, sich mit dem Inhalt der Kritik auseinanderzusetzen, statt reflexhaft in den Empörungsmodus zu schalten.
Deutschland zwischen den Stühlen
Für die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz wird Rubios Besuch zur Nagelprobe. Die Große Koalition aus CDU/CSU und SPD muss einen schwierigen Balanceakt vollführen: einerseits die transatlantische Partnerschaft pflegen, andererseits die eigenen wirtschaftlichen Interessen verteidigen – insbesondere angesichts der von Trump verhängten 20-Prozent-Zölle auf EU-Importe, die der deutschen Exportwirtschaft erheblich zusetzen.
Gleichzeitig steht Deutschland vor der Frage, wie es sich gegenüber den nationalkonservativen Regierungen in Ungarn und der Slowakei positioniert. Bislang hat Berlin brav den Brüsseler Kurs der Isolation mitgetragen. Doch wenn Washington diese Länder nun gezielt hofiert, könnte sich das als strategischer Fehler erweisen. Wer in der Geopolitik nur Freunde hat, die ohnehin seiner Meinung sind, hat am Ende womöglich gar keine mehr.
Die Münchner Sicherheitskonferenz 2026 wird zeigen, ob Europa bereit ist, die neuen Realitäten anzuerkennen – oder ob man weiterhin in der behaglichen Illusion einer regelbasierten Weltordnung verharrt, die längst von den Kräften der Realpolitik überrollt wurde. Marco Rubio jedenfalls kommt nicht zum Plaudern. Er kommt mit einer Agenda.

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