
Rückzug im Windschatten Washingtons: Bundeswehr verlässt den Nordirak – und Deutschland fragt niemand
Es ist ein Vorgang, der symptomatischer für die deutsche Sicherheitspolitik kaum sein könnte: Nach elf Jahren zieht die Bundeswehr ihre letzten Soldaten aus dem kurdischen Autonomiegebiet im Nordirak ab. Doch bemerkenswert ist nicht allein der Abzug selbst – bemerkenswert ist, wie die Öffentlichkeit davon erfuhr. Nicht die Bundesregierung informierte die Bürger, sondern ein Nachrichtenmagazin machte die Auflösung des Feldlagers in Erbil publik. So läuft Transparenz in der Berliner Politik: Man erfährt von den eigenen Entscheidungen aus der Zeitung.
Ein Einsatz, der einst Sinn ergab
Man muss der Fairness halber anerkennen, dass dieser Einsatz zu seinen Anfängen ein durchaus verteidigungswürdiges Ziel verfolgte. Im Jahr 2015 entsandte die damalige Kanzlerin Angela Merkel Bundeswehreinheiten in die kurdische Region, um die Peschmerga im Kampf gegen die aus Syrien vorrückende Terrormiliz „Islamischer Staat“ zu unterstützen. Keine Kampfsoldaten, sondern Ausbilder – und dazu Waffen, die im Feld tatsächlich etwas bewirkten.
Besonders das Milan-Panzerabwehrsystem erwies sich als schlagkräftig gegen die gepanzerten Todesfahrzeuge des IS, die von den Einheimischen treffend als „Mad Max“-Wagen bezeichnet wurden. Deutschland lieferte zudem Tausende ausgemusterte, aber weiterhin einsatzfähige G3- und G36-Sturmgewehre, Schutzausrüstung und Militärfahrzeuge. Nach der Rückeroberung des Landes erklärte der irakische Premier bereits Ende 2017 den Sieg über den IS. Danach verlagerte sich die deutsche Aufgabe zunehmend auf den Sanitätsdienst – in Erbil entstand sogar eine moderne Klinik für die Peschmerga.
Wenn Washington niest, packt Berlin die Koffer
Und hier liegt der eigentliche Kern der Geschichte. Der deutsche Rückzug erfolgt nicht aus einer souveränen sicherheitspolitischen Überlegung heraus, sondern schlicht deshalb, weil die USA ihre Unterstützung für die Peschmerga einstellen. Die deutschen Soldaten am Flughafen Erbil waren zuletzt vor allem von den amerikanischen Kräften abhängig – ohne den großen Bruder aus Übersee steht Berlin plötzlich orientierungslos da.
Der Afghanistan-Einsatz lässt grüßen: Auch dort marschierten die Deutschen erst ein und wieder hinaus, wenn Washington den Takt vorgab.
Es ist ein beschämendes Muster. Eine Nation, die sich selbst gern als bedeutender europäischer Akteur inszeniert, offenbart hier ihre außenpolitische Unmündigkeit. Von den rund 30 verbliebenen Soldatinnen und Soldaten soll bis September niemand mehr vor Ort sein. Bereits im März wurde das Gros abgezogen, nachdem iranische Drohnenangriffe auf die internationale Basis in Erbil das Risiko erhöht hatten.
Die Gefahr bleibt – der Wille schwindet
Das eigentlich Brisante: Die Bedrohung durch den IS ist keineswegs gebannt. Die westlichen Partner waren sich lange einig, dass im Norden des Irak weiterhin schlafende Terrorzellen existieren. Noch im Dezember 2025 beschloss der Bundestag ausdrücklich die Fortsetzung des Einsatzes. Ein halbes Jahr später soll all das nicht mehr gelten? Welche neuen Lageeinschätzungen die Bundesregierung zu dieser Kehrtwende bewogen haben, bleibt der Öffentlichkeit – wie so oft – schuldig verschwiegen.
Der lange Arm Teherans
Außenminister Johann Wadephul soll erklärt haben, der Abzug erfolge auf Wunsch der irakischen Regierung. Doch Kritiker weisen darauf hin, dass die seit Mai 2026 amtierende Regierung in Bagdad – wie ihre Vorgänger – unter erheblichem Einfluss des Iran stehe. Teheran betrachtet westliche Militärpräsenz im Irak seit Jahren als Dorn im Auge. Man muss kein Stratege sein, um zu erkennen, wer hier profitiert, wenn der Westen das Feld räumt: die Mullahs und die von ihnen gelenkten Milizen.
Die kurdischen Peschmerga jedenfalls hätten die deutsche Unterstützung gern behalten. Aus dem Peschmerga-Ministerium in Erbil verlautet, man sei weiterhin an einem bilateralen Abkommen zur Fortsetzung des Bundeswehr-Kontingents interessiert. Wadephul hat zwar vage weitere Unterstützung zugesagt – ob diese künftig aus der 400 Kilometer entfernten Botschaft in Bagdad oder über das Generalkonsulat in Erbil erfolgen soll, bleibt jedoch offen.
Ein Lehrstück deutscher Sicherheitspolitik
Was bleibt, ist ein bitterer Nachgeschmack. Ein verlässlicher Partner lässt seine Verbündeten nicht im Stich, sobald der Schutzpatron abzieht. Deutschland hätte hier die Chance gehabt, eigene sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit zu beweisen – und verspielt sie im Windschatten amerikanischer Entscheidungen. Wer eine echte Verteidigungssouveränität will, muss endlich lernen, eigenständig zu denken und nicht nur zu folgen. Ein Großteil der Bürger dürfte diese Einschätzung teilen: Berlin regiert zu oft an den Interessen des eigenen Landes vorbei.
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Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion wieder und stellt weder eine Anlage-, Steuer- noch Rechtsberatung dar. Anlageentscheidungen sollten stets auf Basis eigener, sorgfältiger Recherche oder nach Rücksprache mit einem qualifizierten Berater getroffen werden. Jeder Anleger trägt die Verantwortung für seine Entscheidungen selbst.

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