
Schlimmster Zerfall seit 1945: EU-Außenbeauftragte warnt vor dem Ende der internationalen Ordnung

Die Worte, die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas am Montag vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in New York wählte, hätten kaum dramatischer ausfallen können. Der Zusammenbruch des Völkerrechts sei so gravierend wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr – eine Diagnose, die angesichts der gleichzeitigen Krisen in der Ukraine und im Nahen Osten erschreckend plausibel klingt.
Zwei Brandherde, ein systemischer Verfall
Kallas zog eine direkte Parallele zwischen Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine und dem eskalierenden Konflikt im Nahen Osten. Beide Krisen seien das „deutlichste Zeichen für die Abkehr von den alten Regeln, einschließlich der UN-Charta", so die estnische Politikerin. Für Moskau fand sie dabei die schärfsten Worte: Die Invasion von 2022 sei „einer der ungeheuerlichsten Brüche des Völkerrechts" überhaupt. Den aktuellen Nahostkonflikt – ausgelöst durch die amerikanisch-israelischen Angriffe auf iranische Atomanlagen – ordnete sie als Teil derselben systemischen Erosion ein.
Was Kallas beschreibt, ist im Grunde das Scheitern jener multilateralen Ordnung, die nach 1945 mühsam aufgebaut wurde. Eine Ordnung, die auf Regeln, Verträgen und dem Prinzip der Gleichheit souveräner Staaten basierte. Dass diese Ordnung nun von mehreren Seiten gleichzeitig unter Beschuss gerät, sollte jeden nachdenklich stimmen.
Trumps Seeblockade verschärft die Lage dramatisch
Die Rede der EU-Außenbeauftragten fiel in eine Phase maximaler Anspannung. US-Präsident Donald Trump hatte am Sonntag über Truth Social eine Seeblockade der Straße von Hormus angekündigt, nachdem Verhandlungen mit dem Iran ohne Ergebnis gescheitert waren. Er drohte unverhohlen damit, „das Wenige, was vom Iran noch übrig ist", zu zerstören. Jede feindliche Handlung werde mit Gewalt beantwortet.
Die Straße von Hormus – jene schmale Wasserstraße, durch die rund ein Fünftel des weltweiten Öls transportiert wird – ist damit zum geopolitischen Nadelöhr geworden. Die Auswirkungen sind bereits in Europa spürbar. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezifferte die zusätzlichen Energiekosten für die Europäische Union auf 22 Milliarden Euro. Brüssel bereite Notfallmaßnahmen vor, darunter gelockerte Beihilferegeln, Unterstützung für die Gasbefüllung und beschleunigte Elektrifizierung.
Multipolarität ohne Regeln – ein Rezept für Chaos
Besonders bemerkenswert war Kallas' Warnung vor einer unregulierten Multipolarität. Man höre heute viel von einer multipolaren Weltordnung, sagte sie. Doch eine Multipolarität ohne die Bindung an die UN-Charta oder das Völkerrecht sei „niemals friedlich, niemals stabil" gewesen und ende „letztlich immer in Verwüstung". Stattdessen zeichne sich eine Welt ab, die von „Wettbewerb und erzwungener Machtpolitik" geprägt sei – dominiert von einer Handvoll militärischer Mächte, die Einflusssphären errichten wollten.
Diese Analyse trifft einen wunden Punkt. Denn was wir derzeit erleben, ist nichts anderes als die Rückkehr des Faustrechts auf die internationale Bühne. Große Mächte – ob Russland, die USA, China oder Israel – handeln zunehmend nach dem Prinzip des Stärkeren, während internationale Institutionen wie die Vereinten Nationen zur Kulisse degradiert werden. Der Sicherheitsrat, vor dem Kallas sprach, ist durch das Vetorecht seiner ständigen Mitglieder seit Jahren faktisch handlungsunfähig.
Europa zwischen allen Stühlen
Für Europa und insbesondere für Deutschland stellt sich die unbequeme Frage: Wie positioniert man sich in einer Welt, in der die Regeln nicht mehr gelten? Die neue Große Koalition unter Friedrich Merz hat mit dem 500-Milliarden-Sondervermögen zwar massive Investitionen in die Infrastruktur angekündigt – doch ob damit auch die sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit Europas gestärkt wird, bleibt fraglich. Die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern, die nun durch die Hormus-Blockade schmerzhaft offenbar wird, ist ein Erbe jahrzehntelanger energiepolitischer Naivität.
Kallas betonte, dass der fragile Waffenstillstand im Nahen Osten „auf der Kippe" stehe, aber dennoch eine „dringend benötigte Gelegenheit zum Verhandeln" biete. Ob diese Gelegenheit genutzt wird, steht in den Sternen. Die Geschichte lehrt jedenfalls, dass Phasen des völkerrechtlichen Verfalls selten von selbst enden.
In Zeiten wie diesen, in denen geopolitische Verwerfungen die Energiemärkte erschüttern und die Kaufkraft der Bürger weiter erodiert, erweisen sich physische Edelmetalle einmal mehr als verlässlicher Anker der Vermögenssicherung. Gold und Silber haben in jeder großen Krise der Menschheitsgeschichte ihren Wert bewiesen – und daran wird sich auch in dieser neuen Ära der Instabilität nichts ändern.
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