
Silbermarkt vor dem Sturm: Droht der COMEX im März der große Knall?
Was sich derzeit am Silbermarkt zusammenbraut, hat das Potenzial, die Finanzwelt in ihren Grundfesten zu erschüttern. Der März-2026-Futures-Kontrakt an der COMEX – jener legendären Rohstoffbörse in New York, die seit Jahrzehnten den globalen Edelmetallhandel dominiert – steht im Zentrum einer Debatte, die zwischen blanker Panik und demonstrativer Gelassenheit oszilliert. Die Zahlen sprechen eine unmissverständliche Sprache. Und sie verheißen nichts Gutes für jene, die glauben, das Papiersilber-Kartenhaus könne ewig stehen bleiben.
Die nackten Zahlen: Ein Missverhältnis, das sprachlos macht
Stand Anfang Februar 2026 weist der März-Kontrakt (SIH26) ein offenes Interesse von rund 80.000 bis 91.000 Kontrakten auf – das entspricht einem theoretischen Lieferanspruch von etwa 402 bis 455 Millionen Unzen Silber. Dem gegenüber stehen lediglich rund 103 Millionen Unzen an registriertem, also tatsächlich lieferbarem Inventar. Wer rechnen kann, erkennt sofort: Die Deckungsquote liegt bei mageren 24 Prozent. Nicht einmal ein Viertel der ausstehenden Kontrakte könnte physisch bedient werden, sollten die Halter auf Lieferung bestehen.
Das Gesamtinventar, einschließlich der sogenannten „eligible" Bestände, beläuft sich zwar auf rund 403 bis 411 Millionen Unzen. Doch diese Bestände sind eben nicht sofort lieferbar – sie gehören Dritten, die sie nicht zwangsläufig zur Verfügung stellen müssen. Erschwerend kommt hinzu, dass allein im Januar 2026 innerhalb einer einzigen Woche 33 Millionen Unzen abgezogen wurden. Die Lager leeren sich. Rasant.
Rekordlieferungen als Vorbote der Krise
Was die Situation zusätzlich verschärft, sind die jüngsten Lieferdaten. Im Januar 2026 explodierten die physischen Auslieferungen auf ein Rekordniveau von rund 49 Millionen Unzen – ein Anstieg von über 300 Prozent im Jahresvergleich. Der Februar setzte diese beunruhigende Tendenz fort: In den ersten Tagen des Monats wurden bereits bis zu 98 Prozent der fälligen Kontrakte physisch abgenommen. Normalerweise liegt diese Quote bei bescheidenen 5 bis 20 Prozent. Irgendetwas hat sich fundamental verändert.
Die Spot-Preise bewegen sich derweil in einer Spanne von 70 bis 78 US-Dollar pro Unze, durchsetzt von heftigen Volatilitätsschüben. Zwischenzeitliche Einbrüche von 8 bis 9 Prozent – ausgelöst durch aggressive Margin-Erhöhungen – wurden von ebenso schnellen Erholungen abgelöst. Ein Markt im Fieber, könnte man sagen. Oder präziser: Ein Markt, der die Symptome einer strukturellen Krise zeigt.
Der 27. Februar als Schicksalstag
Der First Notice Day am 27. Februar 2026 markiert den Zeitpunkt, ab dem Halter des März-Kontrakts ihre Absicht zur physischen Lieferung verbindlich erklären müssen. Ab diesem Tag wird sich zeigen, ob die bisherigen Warnsignale in eine ausgewachsene Lieferkrise münden. Analysten haben vorgerechnet: Sollten nur 25 Prozent der Kontrakthalter auf physischer Lieferung bestehen, wären über 107 Millionen Unzen erforderlich – mehr als das gesamte registrierte Inventar hergibt. Ein Szenario, das die COMEX in eine beispiellose Vertrauenskrise stürzen könnte.
Die zwei Lager: Apokalypse oder Sturm im Wasserglas?
Die Debatte um den März-Kontrakt spaltet die Finanzwelt in zwei unversöhnliche Lager. Auf der einen Seite stehen physisch orientierte Analysten und Communities, die von einem drohenden „COMEX-Begräbnis" sprechen. Sie verweisen auf die strukturelle Deckungslücke, die Backwardation-Signale und die historisch beispiellosen Lieferraten. Ein erzwungenes Cash-Settlement, so ihre Befürchtung, würde das Vertrauen in den Papiersilbermarkt endgültig zerstören und einen Zwei-Klassen-Markt schaffen: hier der Papierpreis, dort der – deutlich höhere – physische Preis.
Auf der anderen Seite stehen Mainstream-Analysten, die das Ganze für maßlos übertrieben halten. Historisch betrachtet, so ihr Argument, hätten stets nur 2 bis 20 Prozent der Kontrakthalter tatsächlich physische Lieferung verlangt. Die Börse verfüge zudem über wirksame Instrumente – Margin-Erhöhungen, Positionslimits –, um eine Eskalation zu verhindern. Seit Jahrzehnten habe es keinen Default gegeben, und auch Parallelen zum Silber-Squeeze von 2011 würden die aktuelle Panik nicht rechtfertigen.
Globale Faktoren verschärfen die Lage
Was die Skeptiker allerdings gerne übersehen: Die Rahmenbedingungen haben sich seit 2011 dramatisch verändert. Die industrielle Nachfrage nach Silber – getrieben durch den globalen Ausbau der Solarenergie und die Elektronikbranche – hat ein Niveau erreicht, das den Markt strukturell unter Druck setzt. Hinzu kommen chinesische Exportrestriktionen und ein signifikantes Preispremium an der Shanghaier Börse, das auf eine zunehmende Fragmentierung des globalen Silbermarktes hindeutet. Die Zeiten, in denen sich Engpässe an der COMEX durch simple Umschichtungen lösen ließen, könnten vorbei sein.
Besonders bemerkenswert ist die Tatsache, dass der jüngste Preisrückgang die Krise nicht etwa entschärft, sondern nach Einschätzung mehrerer Analysten sogar verschärft hat. Die durch Margin-Calls erzwungenen Verkäufe haben zwar kurzfristig Druck vom Kessel genommen, doch die fundamentale Diskrepanz zwischen Papieransprüchen und physischer Verfügbarkeit bleibt bestehen – ja, sie hat sich durch die anhaltenden Lagerabzüge weiter vergrößert.
Was bedeutet das für Anleger?
Eines steht fest: Ob der März 2026 tatsächlich zum Wendepunkt wird oder ob das System sich einmal mehr durch kreative Buchführung und regulatorische Eingriffe über die Runden rettet – die Spannungen im Silbermarkt sind real und sie wachsen. Für Anleger, die ihr Vermögen langfristig absichern wollen, unterstreicht die aktuelle Situation einmal mehr den fundamentalen Unterschied zwischen Papierversprechen und physischem Besitz. Wer Silber – oder Gold – in physischer Form hält, ist von den Verwerfungen an den Terminmärkten nicht unmittelbar betroffen. Im Gegenteil: Sollte es tatsächlich zu einem Auseinanderdriften von Papier- und Realpreisen kommen, dürften physische Edelmetallbestände erheblich an Wert gewinnen.
Die Geschichte der Finanzmärkte lehrt uns, dass Systeme, die auf einem Vielfachen an Versprechen gegenüber der tatsächlich vorhandenen Substanz basieren, irgendwann an ihre Grenzen stoßen. Ob dieser Moment im März 2026 gekommen ist, wird sich zeigen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die COMEX ihre Werkzeugkiste einmal mehr erfolgreich einsetzt, ist nicht zu unterschätzen. Doch mit jedem Mal, mit dem das System an seine Belastungsgrenze geführt wird, wächst das Misstrauen – und damit die Nachfrage nach dem, was man tatsächlich in Händen halten kann.
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