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18.05.2026
18:10 Uhr

Tennisclub kündigt Pächtern: Wenn aus dem Vereinsheim plötzlich ein alkoholfreies Lokal werden soll

Tennisclub kündigt Pächtern: Wenn aus dem Vereinsheim plötzlich ein alkoholfreies Lokal werden soll

Was sich derzeit in Gießen abspielt, ist mehr als nur ein lokaler Pachtstreit. Es ist ein Lehrstück über die schleichende kulturelle Verschiebung in deutschen Alltagsräumen – und über die naive Gutgläubigkeit, mit der mancher Vereinsvorstand in Verträge schlittert, deren Konsequenzen er offenbar bis zuletzt nicht überblickt hat. Beim TC Rot-Weiß Gießen jedenfalls steht das traditionelle Vereinsheim plötzlich vor einem Umbau, den niemand wirklich bestellt zu haben scheint – zumindest nicht in dieser Form.

Vom Sportlertreff zum alkoholfreien Bistro

Bayram und Isabell Dalkilic hatten die Vereinsgaststätte gepachtet und planten dort, ein Lokal mit ostanatolischer Küche zu betreiben. Soweit, so unspektakulär. Brisant wurde es erst durch eine ganz besondere Vorgabe der neuen Pächter: kein Bier, kein Wein, keine Spirituosen. Wer im Vereinsheim eines deutschen Tennisclubs nach einem schweißtreibenden Match auf ein gekühltes Pils hoffte, sollte künftig leer ausgehen. Stattdessen Gözleme und alkoholfreie Getränke – serviert in einem Ambiente, das laut Kündigungsschreiben unter anderem mit großformatigen Bildern verschleierter Frauen hinter der Theke geschmückt wurde.

Der Verein, geführt von Vorstandschef Fred Ostermeyer, hat nun reagiert und das Pachtverhältnis fristlos gekündigt. Die Räumungsfrist wurde laut Berichten der FAZ auf den 20. Mai gesetzt. Sollte das Ehepaar nicht freiwillig gehen, folge eine Räumungsklage. Ostermeyer sieht keine Brücke mehr: Das Vertrauen sei zerstört, mangels Präzedenzfalles könne der Streit bis zum Bundesgerichtshof wandern.

Religion oder Geschäftskonzept? Die Pächter winken ab

Interessant ist die Begründung der Pächter. Isabell Dalkilic, die ein Kopftuch trägt, betont, der Verzicht auf Alkohol habe nichts mit Religion zu tun. Zur ostanatolischen Küche passe Alkohol einfach nicht, ein familienfreundliches Lokal vertrage sich nicht mit Bierausschank. Bayram Dalkilic ergänzt mit einer durchaus origineller Argumentation: In einer Bäckerei könne man schließlich auch kein Bier bestellen. Ein Vergleich, der bei jedem, der die jahrhundertealte deutsche Tradition von Wirtshauskultur, Brauereien und Vereinsheimen kennt, ein müdes Lächeln hervorrufen dürfte.

Bemerkenswert: Ausgerechnet die anatolische Region, aus der die kulinarische Inspiration stammen soll, ist alles andere als alkoholfeindlich. Raki gilt dort als Nationalgetränk, und der Weinbau hat in Kleinasien jahrtausendealte Wurzeln. Erst der politisch befeuerte Islamismus moderner Prägung – maßgeblich vorangetrieben durch die Regierung Erdoğan – hat den Alkoholkonsum kulturell zurückgedrängt. Wer also behauptet, ostanatolische Küche und Alkohol seien naturgemäß unvereinbar, biegt sich die Geschichte zurecht.

Ein Vereinsvorstand mit Naivitätsproblem

Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Genau diese Frage stellen sich aktuell zu Recht viele. Nach Angaben des Vereinsvorstands sei in einem mehrstündigen Vorgespräch ausdrücklich auf dem Alkoholausschank bestanden worden, mehrere Zeugen sollen das bestätigen können. Auch die Pächter bestreiten nicht, dass dieser Wunsch geäußert wurde. Allerdings hätten sie ebenso deutlich gemacht, keinen Alkohol ausschenken zu wollen.

Trotz dieser fundamentalen Differenz wurde der Pachtvertrag unterschrieben – mit einer vagen Absichtsbekundung, „eine Lösung zu finden“. Eine schriftliche Pflicht zum Alkoholausschank? Fehlanzeige. Hier zeigt sich, was passiert, wenn unter dem Motto „Wird schon klappen“ Verträge geschlossen werden, deren zentrale Streitpunkte ungeklärt bleiben. Dass am Ende ein Gericht entscheiden muss, ist die direkte Folge dieser Sorglosigkeit.

Mehr als ein Lokalstreit

Der Fall offenbart ein gesellschaftliches Muster, das sich in vielen deutschen Städten beobachten lässt. Vereinsheime, jahrzehntelang Orte der Geselligkeit nach Spiel und Training, geraten unter Druck – sei es durch wirtschaftliche Zwänge, sei es durch kulturelle Verschiebungen. Wenn der traditionelle Charakter eines Sportvereins infrage gestellt wird, weil ein Pachtverhältnis plötzlich auf gänzlich andere Vorstellungen trifft, dann steht weit mehr auf dem Spiel als nur die Frage, ob das Feierabend-Bier serviert wird oder nicht.

Bezeichnend ist auch der Vorwurf, der im Kündigungsschreiben aufgeführt wird: Die angebrachten Bilder verschleierter Damen entsprächen nicht dem Charakter eines Vereinslokals. Ein Punkt, der zeigt, wie sehr hier zwei Welten aufeinanderprallen. Wer einen Tennisclub betritt, erwartet eben kein orientalisches Themenrestaurant, sondern eine sportliche Atmosphäre – mit allem, was traditionell dazugehört. Was als individuelle Geschäftsentscheidung daherkommt, hat in der Summe gesellschaftliche Sprengkraft. Es geht um die Frage, wie viel Anpassung die aufnehmende Gesellschaft leisten soll – und wie viel die Hinzukommenden bereit sind, die hier gewachsenen Sitten zu respektieren.

Hartes Ende mit offenen Folgen

Für die Familie Dalkilic, die drei Kinder hat, hätte die Kündigung erhebliche Konsequenzen: Sie müssten nicht nur das Restaurant räumen, sondern auch die mitangemietete Wohnung. Die Küche des Lokals dient zudem als Produktionsstätte für ihren Wochenmarktstand in Gießen. Mehrere Kompromissangebote – ein separater Getränkeautomat, ein Kiosk vor dem Lokal, das Erlauben mitgebrachter Getränke – wurden vom Verein abgelehnt. Auch nachvollziehbar: Welche Gastronomie funktioniert auf Dauer, wenn die Gäste ihr eigenes Bier mitbringen?

Rechtlich dürfte der Fall heikel werden. Entscheidend wird die Frage sein, ob sich aus Vertrag, Vorgesprächen oder dem schlichten Charakter eines Vereinsheims eine Pflicht zum Alkoholausschank ableiten lässt. Klar ist: Wäre dieser Punkt von Anfang an präzise im Pachtvertrag geregelt worden, hätte es diesen Streit nie gegeben.

Eine Mahnung für viele Vereine

Was der Fall TC Rot-Weiß Gießen lehrt, sollte sich jeder ehrenamtliche Vereinsvorstand in Deutschland hinter die Ohren schreiben: Wer Verträge mit gravierenden offenen Punkten unterschreibt, lädt sich Probleme ein, die am Ende richterlich entschieden werden müssen. Und wer glaubt, kulturelle Selbstverständlichkeiten brauchten keine vertragliche Absicherung mehr, verkennt die Realität in einem Land, das sich – ob man es will oder nicht – in einem rasanten gesellschaftlichen Wandel befindet.

Bleibt am Ende die Erkenntnis, dass solche Konflikte längst kein Randphänomen mehr sind. Sie sind das direkte Ergebnis einer Politik, die jahrzehntelang die Augen vor Integrationsfragen verschlossen hat – und die nun den Bürgern und ihren Vereinen die Klärung dieser Konflikte aufbürdet. Im Kleinen wie im Großen.

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