
Traditionsmetzgerei nach 157 Jahren am Ende: Wenn Bürokratie das Handwerk erwürgt
Es ist ein Bild, das sich in deutschen Kleinstädten immer häufiger wiederholt: Stammkunden drängen sich ein letztes Mal in einen Laden, überreichen Abschiedsgeschenke, während die Inhaberin mit Tränen in den Augen jedem Einzelnen für die jahrzehntelange Treue dankt. In Oberstenfeld, einer beschaulichen Gemeinde in Baden-Württemberg, hat sich dieses Drama nun erneut abgespielt. Die Metzgerei Ziegler, seit 1869 ein fester Bestandteil des Ortslebens, musste ihre Pforten für immer schließen.
Sechs Generationen Handwerkstradition – ausgelöscht durch Auflagen
„Wir hätten gern weitergemacht", erklärt Metzgermeister Michael Ziegler, der das Familienunternehmen eigentlich in sechster Generation hätte fortführen sollen. Doch statt Würste zu produzieren, sah sich die Familie mit einem Gegner konfrontiert, gegen den selbst die beste Handwerkskunst machtlos ist: der deutschen Bürokratie. Die Gewerbeaufsicht habe ihnen Fristen gesetzt und Baumaßnahmen verlangt, so Ziegler. Es gehe um Hygiene- und Sicherheitsvorschriften – poröse Stellen im Boden der Wurstküche, eine gelblich verfärbte Decke.
Für einen Großkonzern wären solche Sanierungen vermutlich aus der Portokasse zu bezahlen. Für einen kleinen Familienbetrieb hingegen bedeuten sie den finanziellen Ruin. „Für einen kleinen Betrieb sind das gewaltige Summen, die man da investieren müsste", betont Ziegler. Die Familie hätte sich enorm verschulden müssen – ein Risiko, das sie ihren Kindern nicht zumuten wollte.
Das Veterinäramt wäscht seine Hände in Unschuld
Das zuständige Veterinäramt in Ludwigsburg zeigt sich zwar betroffen, weist aber jede Mitverantwortung von sich. Die Kontrollen seien nicht schuld an der Schließung, die Maßnahmen hätten auf „fachlicher Grundlage" gedient und dem Verbraucherschutz. Eine bemerkenswerte Argumentation: Man bedauert das Ergebnis, bestreitet aber jeden kausalen Zusammenhang mit dem eigenen Handeln. So funktioniert deutsche Behördenlogik im Jahr 2026.
Dabei stellt sich die Frage, ob ein Betrieb, der seit über anderthalb Jahrhunderten seine Kunden beliefert, ohne dass jemals ein Skandal bekannt wurde, tatsächlich eine Gefahr für den Verbraucherschutz darstellt. Oder ob hier nicht vielmehr ein Regelwerk angewandt wird, das für industrielle Großschlachtereien konzipiert wurde und kleine Handwerksbetriebe systematisch in den Ruin treibt.
Ein Massensterben im deutschen Metzgerhandwerk
Die Zieglers sind beileibe kein Einzelfall. Das deutsche Metzgerhandwerk befindet sich in einer existenziellen Krise. Im Jahr 2024 ist die Anzahl der fleischerhandwerklichen Unternehmen erstmals unter die Marke von 10.000 gesunken. Der Deutsche Fleischer-Verband zählt nur noch 9.872 Betriebe – ein Rückgang von fast drei Prozent gegenüber dem Vorjahr. Und dieser Trend beschleunigt sich.
Die Gründe für dieses Massensterben sind vielfältig: Der gnadenlose Konkurrenzkampf mit den Supermärkten, die mit Dumpingpreisen locken. Die explodierenden Energiekosten, die gerade energieintensive Betriebe wie Metzgereien besonders hart treffen. Und nicht zuletzt die astronomischen Investitionen, die für eine Neueröffnung oder Übernahme erforderlich sind. DFV-Hauptgeschäftsführer Martin Fuchs beziffert diese auf „schnell im höheren sechsstelligen Bereich" – eine kaum zu überwindende Hürde für junge Meister.
Die schleichende Zerstörung des Mittelstands
Was wir hier beobachten, ist nichts Geringeres als die systematische Zerstörung des deutschen Mittelstands. Jener Mittelstand, der einst das Rückgrat unserer Wirtschaft bildete, wird zwischen Bürokratiewahn, Überregulierung und unfairem Wettbewerb zerrieben. Während Großkonzerne ganze Rechtsabteilungen beschäftigen können, um sich durch den Vorschriftendschungel zu kämpfen, kapitulieren Familienbetriebe vor der schieren Masse an Auflagen.
„Das war meine Metzgerei. Ich werde sie sehr vermissen", sagte eine Kundin beim Abschied. In diesen schlichten Worten liegt mehr Wahrheit als in allen Verlautbarungen der Behörden. Denn mit jeder Traditionsmetzgerei, die schließt, stirbt auch ein Stück Heimat, ein Stück Gemeinschaft, ein Stück jener Werte, die Deutschland einst stark gemacht haben.
Die Politik feiert sich derweil für ihre Nachhaltigkeitsziele und regionalen Wirtschaftskonzepte. Dass sie gleichzeitig die Rahmenbedingungen schafft, unter denen regionale Betriebe reihenweise aufgeben müssen, scheint niemanden zu stören. Es ist eine Heuchelei, die ihresgleichen sucht – und die das deutsche Handwerk Stück für Stück in den Abgrund treibt.

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