
Verbrenner-Aus ein „großer Fehler“: Bilger will trotzdem nur halbe Sache

Späte Einsicht aus dem Bundesverkehrsministerium: CDU-Minister Steffen Bilger hat das EU-weite Aus für neue Verbrenner ab 2035 im Interview mit der „Welt“ einen „großen Fehler“ genannt. Die Bundesregierung wolle sich in Brüssel geschlossen für eine Rücknahme einsetzen. Sobald es konkret wird, schrumpft der Mut allerdings deutlich.
Die Erkenntnis kommt reichlich spät
Bilger spricht von einem wachsenden Konsens. Wörtlich sagte er:
„Es besteht ein immer größerer Konsens darüber, dass das Verbrennerverbot ein großer Fehler war.“
Deutschland müsse auch künftig „Autoland“ bleiben, so der Minister. Die heimische Industrie sei auf Technologieoffenheit angewiesen. Das klingt gut, doch neu ist es nicht. Warnungen aus Industrie, Mittelstand und von Zulieferern gibt es, seit Brüssel den Ausstieg 2022 auf den Weg brachte und 2023 endgültig beschloss. Sie verhallten jahrelang.
Bis heute setzt die Regel die Hersteller unter Druck. Viele Zulieferer, deren Geschäft am klassischen Antriebsstrang hängt, kämpfen ums Überleben. Für sie ist jedes weitere Jahr Unsicherheit ein Risiko.
Brüssels Rückzieher, der keiner ist
Inzwischen hat sich auch die EU-Kommission bewegt, zumindest ein wenig. Im Dezember 2025 schlug sie vor, die CO₂-Minderung für Neuwagenflotten ab 2035 nicht mehr bei 100, sondern bei 90 Prozent gegenüber 2021 festzuschreiben. Den restlichen Ausstoß sollen die Hersteller ausgleichen, etwa über Gutschriften für nachhaltige Kraftstoffe oder CO₂-armen Stahl aus der EU.
Nach Fachberichten entsprechen 90 Prozent einem Flottenwert von rund elf Gramm CO₂ pro Kilometer. Die Kommission selbst rechnet demnach damit, dass nach 2035 nur noch 27 bis 29 Prozent der Neuzulassungen einen Verbrennungsmotor haben. Ein Comeback des Verbrenners sieht anders aus.
Das sieht auch Bilger so. Die Brüsseler Lockerung reiche nicht, erklärte er:
„Wenn man sich politisch einig ist, dass das Verbot keinen Sinn ergibt, muss man es auch konsequent abschaffen und nicht etwas vorschlagen, was einem Verbot gleichkommt. Das gilt für Pkw wie für Lkw.“
Konsequent? Ja, aber nur bis 80 Prozent
Hier wird es seltsam. Wer „konsequent abschaffen“ fordert, müsste die Flottenziele eigentlich ganz streichen wollen. Bilger tut das nicht. Er wirbt lediglich dafür, die Vorgabe auf 80 Prozent zu senken. Damit vertritt er nach eigenen Worten die Mehrheitslinie der Europäischen Volkspartei, zu der auch CDU und CSU gehören.
Aus einem „großen Fehler“ soll also ein etwas kleinerer werden. Kritiker dürften darin das bekannte Muster der Union sehen: in der Rhetorik scharf, in der Sache zaghaft. Bilger begründet seinen Kurs mit Europas Vielfalt. Manche Länder hätten gar keine Autoproduktion, andere setzten auf kleine oder elektrische Fahrzeuge. Er sei aber zuversichtlich, dass man eine gute Lösung finde.
Für Deutschland als größten Autostandort Europas ist das ein schwacher Trost. Die Regeln für eine Schlüsselindustrie werden in Brüssel verhandelt, und dort zählen Staaten ohne eigene Autoindustrie genauso viel.
Auch bei der Bahn: erst schlechter, dann besser?
Bahnkunden machte der Minister ebenfalls wenig Hoffnung. Wegen der vielen Baustellen und Korridorsanierungen müsse man zunächst sogar mit mehr Verspätungen und Ausfällen rechnen. „Aber die gute Nachricht ist: Danach wird es besser“, sagte Bilger. Wann dieses „danach“ beginnt, ließ er offen.
Bilger führt das Ministerium erst seit Juli. Er folgte auf Patrick Schnieder, den der Kanzler Berichten zufolge nach gut einem Jahr im Amt entlassen hatte. Der Neue setzt jetzt auf klare Worte. Ob danach auch klare Taten folgen, wird sich in Brüssel zeigen. Die deutsche Autoindustrie kann sich weitere halbe Lösungen kaum leisten.
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