
Werk-Aus in Hessen: US-Zulieferer verlagert – 180 Jobs weg!

Gründau verliert die nächste Fabrik. Der US-Autozulieferer Lear zieht die komplette Produktion aus seinem hessischen Werk ab – Maschinen und Aufträge gehen nach Angaben der IG Metall in die Slowakei, nach Serbien und nach Tunesien. Rund 180 Arbeitsplätze fallen dadurch weg. Die Verlagerung soll zügig starten und bis Mitte 2027 abgeschlossen sein.
Ein Traditionsstandort wird abgewickelt
Das Werk hat eine lange Geschichte: Jahrzehntelang gehörte es zum Familienunternehmen I.G. Bauerhin, in Spitzenzeiten arbeiteten dort mehr als 700 Menschen. 2023 übernahm der US-Konzern den Spezialisten für thermische Komfortsysteme. Heute zählt Gründau noch rund 300 Beschäftigte.
Gefertigt werden dort unter anderem Sitz-, Lenkrad- und Flächenheizungen sowie Sensorik und Elektronik. Produktion und Logistik verschwinden vollständig, rund 120 Stellen im Engineering sollen in Deutschland bleiben. Besonders hart trifft es laut Gewerkschaft viele langjährige Beschäftigte zwischen 50 und 60 Jahren – ein Alter, in dem ein Neuanfang selten leichtfällt.
Tarifvertrag im September, Verlagerung ein Jahr später
Pikant ist das Timing. Erst im September 2025 hatten Lear und die IG Metall einen neuen Tarifvertrag geschlossen, dem über 99 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder zustimmten. Er brachte mehrere Entgelterhöhungen, eine Beschäftigungssicherung und die Zusage weiterer Verhandlungen über eine Annäherung an den Flächentarif.
Betriebsbedingte Kündigungen sind demnach noch bis Ende 2026 ausgeschlossen. Gut ein Jahr nach der Einigung steht nun der Abzug der Fertigung im Raum.
Konzernzahlen im Plus – Werk zu teuer?
Als Begründung nennt das Unternehmen nach Gewerkschaftsangaben den hohen Investitionsbedarf am Standort. IG-Metall-Geschäftsführer Matthias Ebenau widerspricht dieser Darstellung und wirft dem Konzern vor, Gründau intern wirtschaftlich schlechter darzustellen, als es sei; die Arbeitnehmerseite verweist zudem auf weiterhin ausgelastete Bereiche. Lear hat die Vorwürfe bislang nicht öffentlich im Detail beantwortet.
Eine akute Konzernkrise lassen die Zahlen jedenfalls nicht erkennen: Im zweiten Quartal 2026 stieg der Umsatz um drei Prozent auf 6,21 Milliarden Dollar, der Nettogewinn kletterte von 165,2 auf 192,8 Millionen Dollar. Ende Juli hob der Konzern die Jahresprognose an, kaufte eigene Aktien für 100 Millionen Dollar zurück und schüttete 39 Millionen Dollar Dividende aus.
Main-Kinzig-Kreis: Der zweite Schlag in kurzer Zeit
Für die Region ist es nicht der erste Aderlass. Putzmeister hatte zuvor die Schließung seines örtlichen Werks beschlossen und die Produktion in die Türkei verlagert – rund 250 Beschäftigte waren betroffen. Weitere Industriebetriebe der Region diskutieren über Stellenabbau.
Der Verband der Automobilindustrie erwartet bis 2035 rund 225.000 Arbeitsplätze weniger als 2019; etwa 100.000 Stellen seien bereits verschwunden. Der VDA nennt dabei ausdrücklich auch international unattraktive Standortbedingungen als Ursache – Energiepreise, Bürokratie, Abgabenlast. Aus Sicht unserer Redaktion ist das kein Naturgesetz, sondern die Quittung für Jahre politischer Fehlsteuerung.
Betriebsrat und IG Metall wollen ein Alternativkonzept vorlegen und die Fertigung erhalten. Der Tarifvertrag verschafft ihnen bis Ende 2026 zumindest Zeit.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine Anlageberatung dar. Er gibt die Einschätzung der Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Anlageentscheidungen trifft jeder Leser eigenverantwortlich nach eigener Recherche.
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