
Zweierlei Trauer: SPD-Funktionär verweigert Schweigeminute für die sechs Toten von Stade

Es gibt Momente, in denen sich der Zustand eines Landes in einer einzigen Entscheidung offenbart. Der Kreistag von Saalfeld-Rudolstadt in Thüringen hat einen solchen Moment geliefert – und er wirft ein grelles Licht auf die moralische Doppelbuchführung, die in weiten Teilen unserer politischen Klasse zur zweiten Natur geworden ist.
Sechs Tote, ein abgelehnter Antrag
Was war geschehen? Einen Tag nach der Bluttat im niedersächsischen Stade, bei der ein 45-jähriger Mann sechs Menschen tötete, stellte ein Kreistagsabgeordneter der AfD in Saalfeld-Rudolstadt einen denkbar simplen Antrag: eine Schweigeminute für die Opfer. Ein Innehalten. Ein stiller Moment des Respekts für vier Frauen und zwei Männer, die in einer Jugendeinrichtung arbeiteten und nun tot sind.
Der Kreistagsvorsitzende Oliver Weder von der SPD soll diesen Antrag abgelehnt haben. Die Begründung, die ihm der AfD-Abgeordnete Josef Kluy gegenüber der Presse vorwirft, ist von einer Kälte, die einem den Atem stocken lässt: Man könne schließlich nicht für jedes Verbrechen eine Schweigeminute abhalten.
Nicht für jedes Verbrechen eine Schweigeminute – ausgerechnet in einem Land, das bei politisch genehmen Anlässen sonst keine Gelegenheit zum kollektiven Gedenken auslässt.
Streit um die Begründung – und ein vielsagendes Schweigen
Das zuständige Landratsamt bestätigte im Kern die Schilderung des Antragstellers, bestreitet jedoch, dass die Ablehnung mit diesem Satz begründet worden sei. Der Vorsitzende habe seine Entscheidung „sachlich begründet“, heißt es aus der Behörde. Sowohl der Kreistagsvorsitzende als auch Landrat Marko Wolfram hätten schließlich ihr Bedauern zum Ausdruck gebracht. Auf eine direkte Anfrage soll Weder selbst bislang nicht reagiert haben.
Man mag über die genaue Formulierung streiten. Doch die entscheidende Frage bleibt im Raum stehen wie ein unangenehmer Geruch: Warum wurde die Schweigeminute überhaupt abgelehnt? Und darf man vermuten, dass der Antrag aus der „falschen“ Ecke kam, um ihn kurzerhand zu versenken?
Die Tat von Stade – ein Verbrechen, das nicht ins Narrativ passt
Ein Blick auf die Tat selbst offenbart, warum dieses Gedenken für manche unbequem sein könnte. Der mutmaßliche Täter, ein Mann mit türkischer Staatsangehörigkeit, hatte einen Termin mit den Mitarbeitern der Einrichtung, bei dem es um einen Sorgerechtsstreit rund um seine drei Monate alte Tochter ging. Am Ende dieses Termins lagen sechs Menschen tot am Boden. Beim gescheiterten Fluchtversuch soll die mutmaßliche Patentante der Tochter das Fahrzeug gesteuert haben – eine Frau, die zudem als Migrationsberaterin tätig gewesen sein soll.
Ein solcher Fall passt schlichtweg nicht in das sorgsam gepflegte Erzählmuster, wonach Gefahr in Deutschland stets aus einer bestimmten politischen Richtung erwächst. Und wo das Narrativ nicht passt, da schaltet die Politik offenbar auf Durchzug.
Zwei Klassen von Opfern
Man stelle sich für einen Augenblick das umgekehrte Szenario vor. Wären die Verhältnisse spiegelverkehrt, würde die Republik von Sondersendungen, Lichterketten und „Nie wieder“-Appellen förmlich überrollt. Doch hier herrscht bemerkenswerte Stille. Keine Massendemonstrationen. Kein kollektiver Aufschrei. Nicht einmal eine simple Schweigeminute in einem thüringischen Kreistag.
Diese Ungleichbehandlung ist kein Zufall, sondern Symptom. Sie offenbart, wie tief die Vorstellung mittlerweile verankert ist, dass es Opfer erster und zweiter Klasse gebe – je nachdem, ob ihr Tod politisch verwertbar erscheint oder eben nicht. Wer Menschen nach ihrer ideologischen Nützlichkeit sortiert, hat den moralischen Kompass längst über Bord geworfen. Und dass ein Großteil der Bürger dieses zynische Spiel durchschaut, dürfte für die betreffenden Parteien kein gutes Omen sein.
Ein Land, das seine eigenen Toten nicht mehr betrauern will
Die zunehmende Gewalt in Deutschland, die immer neuen Schlagzeilen von Messerangriffen und Bluttaten – all das ist auch die bittere Ernte einer jahrelangen politischen Fehlsteuerung, die viele Bürger nicht länger hinnehmen wollen. Was dieser Vorgang im kleinen thüringischen Kreistag aber besonders schmerzhaft macht, ist nicht allein die Tat. Es ist die Verweigerung des schlichtesten menschlichen Anstands im Angesicht von sechs Toten.
Sechs Menschen sind gestorben. Sie hinterlassen Familien, Angehörige, Waisen. Ihnen eine einzige Minute des Schweigens zu gewähren, hätte niemanden etwas gekostet – außer vielleicht das Eingeständnis, dass Trauer keine Parteizugehörigkeit kennen sollte. Genau daran aber scheint es zu hapern. Und das ist die eigentliche Schande dieser Geschichte.

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