
Billig-Marschflugkörper fürs Heer: 1.500 Kilometer Reichweite!

Das deutsche Heer soll künftig auf Masse setzen statt nur auf teure Einzelstücke. Heeresinspekteur Christian Freuding sagte beim Parlamentarischen Abend des Förderkreises des Heeres in Berlin, die Entscheidung für kostengünstige Marschflugkörper sei gefallen. Die Waffen sollen Ziele in rund 1.500 Kilometern Entfernung treffen. Erste Exemplare könnten schon 2027 bei der Truppe ankommen.
Viele Flugkörper gleichzeitig
Bundeswehr-intern laufen die Waffen unter dem Namen „Low Cost Cruise Missiles“. Die Idee dahinter ist simpel: Werden viele Flugkörper gleichzeitig abgefeuert, kommt die gegnerische Luftabwehr nicht mehr hinterher. Laut seinem Redemanuskript formulierte Freuding das so:
„Wir werden damit Ziele in einer Tiefe von etwa 1.500 Kilometern massiert bekämpfen, gegnerische Flugabwehrsysteme übersättigen können.“
Das ist schlicht Rechnen. Eine Abfangrakete kostet oft mehrere Millionen. Wer den Gegner zwingt, teure Abwehr gegen billige Angreifer zu verbrauchen, ist im Vorteil. Laut Freuding sollen die günstigen Systeme die klassischen Marschflugkörper ergänzen, nicht ersetzen.
Zwei Kandidaten, aber keine Namen
Welche Modelle infrage kommen, sagte der Generalleutnant nicht. Zwei Systeme, die man bereits kaufen kann, seien in der engeren Wahl. Sie müssten aber erst für die Bundeswehr zugelassen werden.
Interessant ist der Zeitpunkt. Zu Wochenbeginn hat das US-Rüstungsunternehmen Covenant in Leipzig ein Werk für Marschflugkörper eröffnet. Dort soll ab 2027 das System Anthem gebaut werden: im ersten Jahr 1.000 Stück, 2028 dann 5.000. Nach Firmenangaben kostet ein Flugkörper einen sechsstelligen Betrag, also weniger als eine Million US-Dollar. Vergleichbare Waffen kosten meist mehrere Millionen. Medienberichten zufolge trägt Anthem einen 200 Kilogramm schweren Sprengkopf. Das Unternehmen wurde erst 2024 gegründet und soll mehr als 250 Millionen US-Dollar von Investoren eingesammelt haben. Ob Anthem zu den beiden Favoriten gehört, ließ Freuding offen.
Tomahawk soll zum Heer
Freuding will mehr. Aus Sicht des Heeres sei es richtig, auch die geplanten US-Marschflugkörper dem Heer zuzuordnen. Gemeint ist der Tomahawk. Im Juli 2026 hatte Bundeskanzler Friedrich Merz verkündet, Washington habe am Rande des Nato-Gipfels in Ankara dem Kauf und der Stationierung zugestimmt.
Medienberichten zufolge kostet ein Tomahawk rund zwei Millionen US-Dollar und fliegt je nach Version bis zu 2.500 Kilometer weit. Zum Vergleich: Der Taurus, die bisher weitreichendste Waffe der Bundeswehr, schafft etwa 500 Kilometer. Diese Lücke war jahrelang bekannt, geschlossen hat sie lange niemand.
Erst Zusage, dann Absage
Die Vorgeschichte zeigt, wie sehr Deutschland vom Wohlwollen anderer abhängt. 2024 hatte die US-Regierung unter Joe Biden in Aussicht gestellt, ab 2026 weitreichende Waffen in Deutschland zu stationieren. Unter Donald Trump wurde das Vorhaben zunächst gestrichen. Der Kauf der Tomahawks ist der Ersatz dafür, und zwar auf deutsche Kosten.
Gelingt das bis 2027?
Ein schönes Ziel ist noch keine fertige Beschaffung. Damit 2027 tatsächlich geliefert wird, muss eines der beiden Systeme die technische Prüfung bestehen. Es muss außerdem in Führung, Aufklärung, Einsatzplanung und Logistik eingebunden werden. Und die Industrie muss die versprochenen Mengen wirklich liefern können.
Kritiker der deutschen Rüstungsbürokratie haben schon oft gesehen, wie solche Zeitpläne platzen. Gerade deshalb ist ein günstiges Massenprodukt ein vernünftiger Ansatz. Es ist ein Bruch mit der Neigung zu teuren, maßgeschneiderten Einzellösungen.
Was die Bürger erfahren wollen, steht aber noch aus: welches System gekauft wird, wie viele Stück und zu welchem Preis. Die Ausgaben für Verteidigung werden zu einem großen Teil über neue Schulden bezahlt. Die Steuerzahler haben deshalb ein Recht darauf, dass dieses Geld klug ausgegeben wird.
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