
BRICS in der Zerreißprobe: Wie zwei Mitgliedstaaten den Traum vom Gegengewicht zum Westen erschüttern

Es sollte ein Treffen der Stärke werden, ein Schaulaufen der Schwellenländer, ein weiterer Schritt auf dem Weg zur multipolaren Weltordnung. Doch was sich Mitte Mai 2026 im prächtigen Bharat Mandapam zu Neu-Delhi abspielte, glich eher einer diplomatischen Bauchlandung. Die Außenminister der BRICS-Staaten reisten ab – ohne gemeinsame Abschlusserklärung, ohne klare Linie, ohne jenes Maß an Geschlossenheit, das der Block seit Jahren für sich reklamiert. Zum zweiten Mal in Folge unter indischer Präsidentschaft. Eine Blamage, die mehr verrät, als manchem in Peking, Moskau oder Brasília lieb sein dürfte.
Wenn Bündnispartner aufeinander schießen
Der eigentliche Sprengsatz hat einen Namen: Iran. Seit den massiven Luftschlägen der USA und Israels auf iranisches Territorium Anfang 2026 – am Tag des Ministertreffens bereits der 76. Kriegstag – tobt im Nahen Osten ein Konflikt, der nun auch das BRICS-Gefüge erschüttert. Denn auf der einen Seite steht Teheran, das sich als Opfer westlicher Aggression sieht und eine klare Verurteilung einfordert. Auf der anderen Seite stehen die Vereinigten Arabischen Emirate, die ihrerseits den Iran beschuldigen, Angriffe auf ihre Energieinfrastruktur orchestriert zu haben.
Irans Außenminister Abbas Araghchi ließ schließlich die Diplomatenmaske fallen und warf Abu Dhabi vor, den USA und Israel Stützpunkte, Luftraum, Geheimdienstinformationen und Logistik bereitgestellt zu haben. Ein schwerer Vorwurf, der – das muss man festhalten – sachlich nicht aus der Luft gegriffen sei. Die Emirate wiederum hätten ihrer Verärgerung Ausdruck verliehen, indem sie nicht einmal ihren Außenminister entsandten, sondern lediglich einen Staatsminister nach Delhi schickten. Eine subtile, aber unmissverständliche diplomatische Ohrfeige.
Indiens Spagat zwischen allen Stühlen
Gastgeber Subrahmanyam Jaishankar versuchte, das Unmögliche möglich zu machen. Er appellierte an die Sicherheit der Schifffahrt durch die Straße von Hormus und das Rote Meer – immerhin rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Gashandels passiert diesen Engpass. Sein kaum verhüllter Wink an die neueren Mitglieder lautete: Wer beitrete, müsse den BRICS-Konsens in zentralen Fragen verinnerlichen. Das Schlussdokument hielt am Ende lapidar fest, dass „unterschiedliche Ansichten unter einigen Mitgliedern“ bestünden. Mehr nicht. Für ein Bündnis, das sich als Gegenentwurf zum westlichen Hegemonialanspruch versteht, ist das ein erbärmliches Ergebnis.
Pikant ist auch Indiens eigene Rolle. Premierminister Modi pflegt enge Beziehungen zu Israel, kauft gleichzeitig russisches Öl und balanciert munter zwischen Washington, Moskau und dem Globalen Süden. Wer einen ehrlichen Makler an der Spitze erwartet, dürfte enttäuscht werden. Die Frage, ob ausgerechnet Delhi der richtige Architekt für einen geschlossenen Block sein könne, beantwortet sich beinahe von selbst.
Strukturelle Widersprüche, die niemand mehr verschweigt
Wer ehrlich auf BRICS blicke, der erkenne: Das Bündnis ist kein Verteidigungspakt, keine Wertegemeinschaft, kein formalisiertes Vertragswerk. Es ist ein loses Forum aufstrebender Volkswirtschaften, die zwar den Wunsch nach mehr Gewicht im Weltsystem teilen, in den eigentlich entscheidenden Fragen aber fundamental auseinanderdriften. Iran definiert sich seit 1979 als Antipode der USA. Die Emirate sind hingegen seit Jahrzehnten strategischer Partner Washingtons. Saudi-Arabien zögert seinen Beitritt aus genau diesen Gründen heraus. China nutzt BRICS als ideologische Plattform, ohne dabei seinen lukrativen Zugang zu westlichen Märkten aufs Spiel zu setzen. Brasilien sucht unter Lula Prestige, ohne sich festzulegen.
Schon der Ukraine-Krieg habe gezeigt, dass BRICS für Russland faktisch nichts geleistet habe – keine Verurteilung westlicher Provokationen, keine kollektiven Gegenmaßnahmen, lediglich Enthaltungen in der UN und allgemeine Floskeln zur Diplomatie. Eine ernüchternde Bilanz für all jene, die im Block einen schlagkräftigen Gegenpol zum westlichen Imperialismus erhofft hatten.
Moskaus stille Wut auf Peking
In einem bemerkenswert offenen Kommentar auf Russia Today wurde zuletzt eine Kritik formuliert, die sonst aus dem russischen Staatslager kaum so direkt zu hören sei: China müsse aufhören, Russland als nützlichen Rohstofflieferanten und ideologischen Sparringspartner zu behandeln, und Moskau endlich als vollwertigen strategischen Partner akzeptieren. Die Partnerschaft sei fundamental asymmetrisch – und das werde im Kreml zunehmend als Demütigung empfunden.
Die wirtschaftlichen Zahlen geben dieser Kritik Substanz. China ist für Russland inzwischen essenziell: Es kauft Öl und Gas, liefert Technologie und Konsumgüter, die durch westliche Sanktionen sonst nicht erhältlich wären. Umgekehrt sei Russland für China zwar nützlich, aber keineswegs unersetzlich. Diese Asymmetrie habe sich in Neu-Delhi auch symbolisch gezeigt: Wang Yi reiste gar nicht erst an – er verhandelte stattdessen lieber mit einem Trump-Berater in Peking. Ein vielsagender Vorgang. In Moskauer Eliten werde mittlerweile sogar darüber diskutiert, eigene Deals mit Washington einzugehen, um nicht endgültig zum Juniorpartner Pekings degradiert zu werden.
Was den Block dennoch zusammenhält
Und doch wäre es voreilig, BRICS abzuschreiben. Der Block wächst weiter: Indonesien, Ägypten, Äthiopien und Iran sind beigetreten, Dutzende Partnerländer stehen in der Warteschlange. Die Neue Entwicklungsbank finanziert Infrastrukturprojekte im Globalen Süden, zunehmend in Yuan. Die Ent-Dollarisierung des Handels schreitet langsam, aber stetig voran. Russland und Indien wickeln Teile ihres Ölgeschäfts in Rupien ab. Und je rabiater der Westen mit Sanktionen, Zöllen und Entkopplung agiert – Trumps 20-Prozent-Zölle auf EU-Importe und 34 Prozent auf chinesische Waren lassen grüßen –, desto stärker treibt er Schwellenländer geradezu in die Arme alternativer Strukturen.
Auch in der Iran-Frage gebe es Hinweise auf eine pragmatische Stabilisierung. Jaishankar traf Araghchi bilateral, Lawrow war präsent, Brasiliens Außenminister Vieira sondierte mögliche Kompromisslinien. Der September-Gipfel rückt näher – und niemand möchte ihn als propagandistischen Triumph für Washington enden sehen.
Eine bittere Lektion für den Globalen Süden
Was bleibt, ist eine ernüchternde Erkenntnis: BRICS ist weder am Zerbrechen, noch konsolidiert sich der Block in jenem Sinne, den seine glühendsten Verfechter herbeisehnen. Solange zwei Mitglieder faktisch im Krieg miteinander liegen, solange China den russischen Wunsch nach echter Solidarität mit freundlichen Floskeln abbügelt und solange Indien zwischen Westen, Russland, Israel und Globalem Süden lavierend Politik betreibt, bleibt BRICS, was es immer war: ein mächtiges Forum der Uneinigkeit.
Für deutsche Beobachter mag das paradox klingen, aber es lohnt sich, hinzuschauen: Während die Berliner Politik unter der Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD weiter brav den transatlantischen Kurs hält und mit dem 500-Milliarden-Sondervermögen die nächste Schuldenwelle lostritt, vollzieht sich anderswo eine Verschiebung tektonischer Plattenverhältnisse – wenn auch holperig, widersprüchlich und voller Rückschläge. Wer als Sparer und Vermögensbesitzer in solch unsicheren Zeiten Stabilität sucht, dem sei vor Augen geführt: Politische Bündnisse zerbrechen, Währungen schwanken, Schuldenberge wachsen. Was bleibt, sind Werte, die seit Jahrtausenden Vertrauen genießen. Physisches Gold und Silber haben weder Außenminister, die sich zerstreiten, noch Notenbanker, die per Mausklick neue Einheiten in die Welt drucken. In einem Portfolio, das auf Resilienz ausgelegt ist, bleiben Edelmetalle die stille, verlässliche Konstante – gerade dann, wenn die geopolitischen Karten neu gemischt werden.
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