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28.07.2026
05:26 Uhr

Deutschlands stille Entwöhnung: Warum ausgerechnet die Babyboomer das Glas stehen lassen

Deutschlands stille Entwöhnung: Warum ausgerechnet die Babyboomer das Glas stehen lassen

Es ist eine dieser Statistiken, die auf den ersten Blick nach Gesundheitsjournalismus riechen – und auf den zweiten Blick eine ökonomische Vermessung des Landes darstellen. Der Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie und -Importeure meldet für 2024 einen Pro-Kopf-Verbrauch von 115,1 Litern Bier, Wein, Schaumwein und Spirituosen. Im Jahr davor waren es 116,6 Liter, 2018 noch stolze 128,3 Liter. Innerhalb von sechs Jahren also ein Rückgang um mehr als dreizehn Liter pro Nase. Das ist kein Rauschen in der Messreihe. Das ist ein Trend mit Wucht.

Vom Volk der Biertrinker zum Volk der Verzichtenden

Die Meinungsforscher von YouGov liefern die Begleitmusik: 2025 gaben nur noch 68 Prozent der Verbraucher an, überhaupt Alkohol zu trinken. Zehn Jahre zuvor waren es 78 Prozent. Zehn Prozentpunkte weniger – in einem Land, dessen Brauereikultur älter ist als die meisten europäischen Nationalstaaten. Als Hauptgrund nennen die Befragten die Gesundheit. Ein ehrbares Motiv, keine Frage. Doch wer die Zahlen nur durch die Brille der Präventionsmedizin liest, übersieht den zweiten, unbequemeren Teil der Geschichte.

Denn Konsumverzicht hat in Deutschland derzeit selten nur mit Askese zu tun. Wenn Energiepreise, Mieten, Lebensmittel und Abgabenlast gleichzeitig zulegen, während die Reallöhne bestenfalls stagnieren, dann verschwindet zuerst das, was verzichtbar ist. Das Feierabendbier in der Gastronomie etwa, wo ein halber Liter mancherorts längst fünf Euro und mehr kostet. Man kann das Gesundheitsbewusstsein nennen. Man kann es aber auch Kaufkraftschwund nennen.

Die Legende von der nüchternen Generation Z

Besonders pikant wird es beim Blick auf die Jungen. Jahrelang wurde uns erzählt, die Generation Z sei die Generation der Mäßigung: achtsam, kalorienbewusst, alkoholfrei. Die Daten des Londoner Getränkemarktforschers IWSR erzählen etwas anderes. In den untersuchten Märkten hätten in den vergangenen sechs Monaten 74 Prozent der Gen Z Alkohol konsumiert – vor drei Jahren seien es lediglich 66 Prozent gewesen. Damit liegen die Jüngsten praktisch gleichauf mit dem Durchschnitt der gesamten erwachsenen Bevölkerung von 76 Prozent.

Das Narrativ der maßvollen jungen Generation, so der IWSR-Präsident, sei damit schlüssig widerlegt. Der Rückgang bei den Babyboomern falle hingegen deutlich stärker aus als erwartet.

Man darf das getrost als Lehrstück begreifen: Ein gesellschaftliches Narrativ wird jahrelang in Talkshows, Zeitungsspalten und Marketingabteilungen weitergereicht, bis es als Tatsache gilt – und zerplatzt dann an der ersten belastbaren Erhebung. Wer sich fragt, warum das Vertrauen in mediale Deutungshoheit erodiert, findet hier ein Miniaturmodell.

Die Alten steigen aus

Den stärksten Rückzug legen ausgerechnet jene hin, die den Wirtschaftswunderwohlstand mit aufgebaut haben. Die Babyboomer kommen laut IWSR nur noch auf eine Trinkquote von 71 Prozent, zwei Punkte weniger als vor drei Jahren – die niedrigste Rate aller Generationen. Und mit 2,6 Getränken pro Gelegenheit sind sie auch beim Volumen die Zurückhaltendsten. Die Marktforscher verweisen darauf, dass ein solcher Rückgang jenseits der Sechzig biologisch wenig überraschend sei. Nur eben: nicht in diesem Tempo.

Die höchste Quote melden übrigens die Millennials mit 81 Prozent, gefolgt von der Generation X mit 77 Prozent. Die vielbeschworene Jugend ist also weder Vorreiter noch Nachzügler – sie ist schlicht Durchschnitt. Auffällig bleibt allerdings, dass 51 Prozent der Gen Z Alkohol ausdrücklich für ungesund halten. Wissen und Verhalten klaffen auseinander. Auch das ist eine sehr menschliche Konstante.

Weniger pro Gelegenheit – der eigentliche Strukturbruch

Global betrachtet blieb der Anteil der Konsumenten in den untersuchten Märkten mit einem Anstieg von 75 auf 76 Prozent nahezu unverändert. Der Bruch findet woanders statt: Pro Gelegenheit wurden zuletzt im Schnitt 3,9 Getränke konsumiert, zuvor waren es noch 4,4. Für die Erhebung im ersten Halbjahr 2026 wurden über 32.000 Menschen in Ländern von Australien über Brasilien bis Vietnam befragt. Die Forscher vermuten dahinter eine strukturelle, keine konjunkturelle Verschiebung – Lebensstil und Gesundheit gewännen an Gewicht.

Für die deutsche Getränkewirtschaft ist das eine schlechte Nachricht mit Ansage. Brauereien schließen, Traditionsmarken verschwinden, die Gastronomie leidet ohnehin unter Personalmangel, Bürokratie und der Rückkehr der vollen Mehrwertsteuer auf Speisen, die in der Pandemie temporär gesenkt worden war. Wer meint, all das sei nur eine Frage veränderter Konsumgewohnheiten, unterschätzt, wie sehr politische Rahmenbedingungen darüber entscheiden, ob ein Wirtshaus im Dorf überlebt oder das Schild an der Tür für immer umgedreht wird. Und mit jeder geschlossenen Gaststätte verschwindet ein Stück gewachsener Geselligkeit, das keine App und kein Förderprogramm ersetzt.

Was das über den Zustand des Landes verrät

Am Ende ist die Alkoholstatistik ein Seismograf. Sie misst nicht nur Leberwerte, sondern auch Stimmung, Sicherheitsgefühl und verfügbares Einkommen. In einer Volkswirtschaft, die mit einem 500-Milliarden-Euro-Schuldenpaket in die Zukunft investieren will und dabei die Inflationsrisiken von morgen mitfinanziert, wird der Bürger zwangsläufig vorsichtiger. Er trinkt weniger, er kauft weniger, er spart mehr – und er fragt sich zunehmend, worin er das Ersparte überhaupt noch sinnvoll parken soll, wenn der Geldwert von politischen Entscheidungen abhängt, die er nicht beeinflussen kann.

Wer diesen Gedanken zu Ende denkt, landet fast zwangsläufig bei der Frage nach echten Sachwerten. Physische Edelmetalle wie Gold und Silber haben über Jahrhunderte hinweg bewiesen, dass sie Kaufkraft konservieren können, wenn Papierversprechen an Glaubwürdigkeit verlieren. Als Beimischung in einem breit gestreuten Vermögen sind sie für viele Sparer ein nüchternes Gegengewicht zu einer Politik, die selten nüchtern wirkt.

Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion wieder und stellt keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar. Jede Anlageentscheidung erfordert eigene Recherche und gegebenenfalls die Konsultation eines qualifizierten Beraters. Eine Haftung für Vermögensdispositionen, die auf Grundlage dieses Artikels getroffen werden, ist ausgeschlossen.

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