
„Duftkerzenverkäufer“: Amthor-Spott und ein 20-Punkte-Abstand

Philipp Amthor hat im Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt gegen die AfD ausgeteilt. Beim Sommerempfang der CDU in Bitterfeld-Wolfen nannte der CDU-Mitgliederbeauftragte den AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund einen „Duftkerzenverkäufer“ und dessen Internetauftritte „Li-La-Laune-Videos“. Am 6. September wird gewählt – und die Umfragen sehen die CDU meilenweit hinten.
Spott von der Bühne, Ernüchterung in den Zahlen
„Die können vor Kraft kaum laufen. Die AfD glaubt, die Wahl ist schon in der Tasche“, sagte Amthor laut dem Bericht vor den Parteifreunden. Der Seitenhieb auf Siegmunds frühere Tätigkeit im Vertrieb von Raumdüften sollte offenbar entlarven.
Nur: Die Zahlen lachen nicht mit. In einer aktuellen Erhebung erreichte die AfD in Sachsen-Anhalt eine Rekordmarke von 43 Prozent, die CDU liegt rund 20 Prozentpunkte dahinter. Medienberichten zufolge sehen weitere Umfragen die AfD bei 41 Prozent und die Union bei 23 bis 24 Prozent.
Wem gehört das Land?
Amthor stellte der AfD-Formel vom „unser Land“ eine eigene entgegen:
„Wenn die AfD sagt – unser Land. Dann sage ich: Sachsen-Anhalt gehört keiner Partei. Sondern Sachsen-Anhalt gehört den Bürgerinnen und Bürgern in diesem Land.“
Ein Satz, dem kaum jemand widersprechen dürfte. Doch er wirft eine unbequeme Rückfrage auf: Warum wenden sich dann so viele dieser Bürgerinnen und Bürger von jener Partei ab, die das Land seit Jahrzehnten prägt?
Amthor lieferte in Bitterfeld-Wolfen gleich die klassische Antwort der Landes-CDU mit: Sachsen-Anhalt sei so „wunderbar“ geworden, weil die CDU in schwierigen Zeiten die richtigen Entscheidungen getroffen habe. Beobachter dürften darin weniger ein Argument als ein Bekenntnis zur eigenen Amtszeit sehen.
Machtwechsel im Amt, Absturz in der Gunst
Die Ausgangslage hat sich für die Christdemokraten binnen weniger Monate dramatisch verschoben. Nach dem vorzeitigen Rückzug von Reiner Haseloff wurde Berichten zufolge im Januar 2026 Sven Schulze zum Ministerpräsidenten gewählt – er führt die CDU nun als Spitzenkandidat in die Wahl. Von Haseloffs Bonus als Landesvater ist in den Umfragen bislang wenig zu spüren.
Sachsen-Anhalt war jahrzehntelang eine sichere Bank der Union. Dass eine Regierungspartei rund drei Wochen vor dem Urnengang fast doppelt so schwach dasteht wie ihr Herausforderer, ist in der Geschichte des Landes ein Novum.
Warum Wahlkampf per Spitzname selten funktioniert
Aus Sicht unserer Redaktion offenbart die Episode ein grundsätzliches Problem der etablierten Parteien: Sie führen Wahlkämpfe über Etiketten statt über Ergebnisse. Wer im Osten Wähler zurückgewinnen will, muss Antworten liefern – auf hohe Energiepreise, ausufernde Bürokratie, den Zustand der inneren Sicherheit und die Sorge vieler Menschen um ihre wirtschaftliche Zukunft.
Spott über eine berufliche Vergangenheit im Vertrieb dürfte dagegen niemanden umstimmen. Im Gegenteil: Für viele Bürger klingt Herablassung gegenüber einem Verkäuferjob eher nach Abgehobenheit als nach Bodenhaftung.
Am 6. September zeigt sich, ob der Rückstand noch schmilzt. Was bleibt, ist der Befund: Die politische Landschaft Ostdeutschlands verschiebt sich – und die alten Reflexe greifen nicht mehr.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Er stellt keine Rechts- oder Anlageberatung dar. Umfragewerte sind Momentaufnahmen und keine Prognose des Wahlergebnisses.

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