
Evonik-Chef Kullmann: Wenn Konzernbosse dem Mittelstand Vorschriften machen wollen
Es ist ein bemerkenswertes Schauspiel, das sich derzeit in der deutschen Wirtschaftslandschaft abspielt. Christian Kullmann, Vorstandsvorsitzender des Essener Chemiegiganten Evonik, hat sich in einem Interview mit dem „Spiegel" zu Wort gemeldet – und dabei eine Warnung ausgesprochen, die aufhorchen lässt. Der Mittelstand solle sich gefälligst von der AfD fernhalten, so der Tenor seiner Aussagen. Man fragt sich unwillkürlich: Wer hat diesen Mann eigentlich zum politischen Vormund des deutschen Mittelstands ernannt?
Die Arroganz der Konzernelite
„Ich halte das für fatal und plädiere dafür, dass sich die Industrie als Ganzes klar bekennt: nicht mit denen!" – so die markigen Worte des 56-jährigen Topmanagers. Er sei „bestürzt und richtig sauer" über die aktuelle Situation. Doch worüber genau ist Herr Kullmann eigentlich sauer? Darüber, dass mittelständische Unternehmer, die tagtäglich mit den Realitäten der deutschen Wirtschaftspolitik kämpfen, sich erdreisten, eigenständig politische Positionen zu bewerten?
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet der Chef eines Konzerns, dessen größter Anteilseigner mit knapp 47 Prozent die RAG-Stiftung ist – eine Organisation, die sich um die „Ewigkeitsaufgaben" des eingestellten Steinkohlenbergbaus kümmert und damit faktisch von öffentlichen Geldern abhängig ist – dem freien Unternehmertum politische Ratschläge erteilen möchte.
Die wahren Sorgen des Mittelstands
Kullmann selbst benennt interessanterweise die Ursachen für die politische Unzufriedenheit: die Angst vor Wohlstandsverlusten und sozialem Abstieg. Doch anstatt die politischen Verantwortlichen für diese berechtigten Ängste in die Pflicht zu nehmen, richtet er seinen Zorn gegen jene Unternehmer, die nach Alternativen suchen. Eine bemerkenswerte Verdrehung der Kausalitäten.
Der deutsche Mittelstand – das Rückgrat unserer Wirtschaft – leidet seit Jahren unter einer Politik, die Bürokratie aufbläht, Energiekosten in astronomische Höhen treibt und den Wirtschaftsstandort Deutschland systematisch schwächt. Dass sich Unternehmer in dieser Situation nach politischen Kräften umsehen, die ihre Interessen vertreten könnten, ist nicht nur verständlich, sondern geradezu zwingend logisch.
Der Fall des Familienunternehmerverbands
Kullmanns Mahnung kommt nicht von ungefähr. Im Oktober 2025 hatte der Verband der Familienunternehmen zu einem Parlamentarischen Abend in Berlin erstmals auch Vertreter der AfD eingeladen. Nach massivem öffentlichen Druck und dem Austritt einiger Mitgliedsfirmen wie Rossmann, Vorwerk und Fritz-Kola wurde diese Entscheidung zurückgenommen. Ein Lehrstück darüber, wie in Deutschland mittlerweile mit demokratisch legitimierten Parteien umgegangen wird.
Auch der Molkerei-Unternehmer Theo Müller geriet ins Kreuzfeuer der Kritik, nur weil er regelmäßige Kontakte zur AfD-Chefin Alice Weidel einräumte. Der 86-jährige Unternehmer musste sich mit anwaltlicher Hilfe gegen die Unterstellung wehren, die AfD zu unterstützen. Ein erschreckendes Zeichen dafür, wie weit die Gesinnungskontrolle in der deutschen Wirtschaft bereits fortgeschritten ist.
Demokratie bedeutet Meinungsvielfalt
Was Herr Kullmann offenbar nicht verstehen will oder kann: In einer funktionierenden Demokratie haben Unternehmer das Recht, sich mit allen demokratisch gewählten Parteien auszutauschen. Die AfD sitzt in zahlreichen Landtagen und im Bundestag – gewählt von Millionen deutscher Bürger. Diese Wähler pauschal als Anhänger eines „autoritären Aufräumens" zu diffamieren, wie Kullmann es tut, zeugt von einer besorgniserregenden Verachtung für den demokratischen Prozess.
Statt den Mittelstand zu belehren, sollte sich die Konzernelite vielleicht fragen, warum so viele Menschen das Vertrauen in die etablierte Politik verloren haben. Die Antwort liegt nicht in der vermeintlichen Verführbarkeit der Bürger, sondern in jahrelangem politischen Versagen – von der Energiewende über die Migrationspolitik bis hin zur Deindustrialisierung ganzer Regionen.
Ein Appell an die unternehmerische Freiheit
Der deutsche Mittelstand braucht keine Belehrungen von Konzernchefs, die in ihren klimatisierten Vorstandsetagen weit entfernt von den alltäglichen Sorgen kleiner und mittlerer Unternehmen agieren. Was er braucht, sind politische Rahmenbedingungen, die wirtschaftliches Handeln wieder attraktiv machen – niedrigere Steuern, weniger Bürokratie, bezahlbare Energie und eine Infrastruktur, die diesen Namen verdient.
Dass ausgerechnet jene, die von den bestehenden Strukturen profitieren, nun anderen vorschreiben wollen, mit wem sie reden dürfen und mit wem nicht, offenbart ein zutiefst gestörtes Verhältnis zur unternehmerischen Freiheit. Der Mittelstand sollte sich von solchen Einschüchterungsversuchen nicht beirren lassen und weiterhin eigenständig entscheiden, welche politischen Positionen seinen Interessen am besten dienen.












