
Flaute auf hoher See: Studie zerlegt Deutschlands Offshore-TrÀume

Es ist ein Befund, der in Berlin fĂŒr Unruhe sorgen dĂŒrfte. Eine neue Untersuchung des internationalen Fachverbands vgbe energy zeigt: Deutschlands Windparks in Nord- und Ostsee liefern immer weniger Strom, obwohl immer mehr davon gebaut werden. Die Autoren haben dafĂŒr echte Einspeisedaten aus zehn Jahren ausgewertet.
Die Studie trĂ€gt den Titel âOffshore-Windenergienutzung in Deutschlandâ. Wer nachliest, wird schnell merken, dass sie mehr sagt als der Titel. Sie wirft die Frage auf, ob die AusbauplĂ€ne der Bundesregierung ĂŒberhaupt aufgehen können.
Reale Daten statt geschönter Szenarien
Diplomingenieur Thomas Linnemann und Diplomphysiker Guido S. Vallana haben die Einspeisung der deutschen Offshore-Windparks von 2015 bis 2024 im Viertelstundentakt analysiert. Grundlage sind laut vgbe die Betriebsdaten der europĂ€ischen Transparenzplattform ENTSO-E. Es handelt sich also nicht um Modellrechnungen, sondern um Messwerte. Damit knĂŒpfen die beiden an eine eigene Untersuchung aus dem Jahr 2017 an und bestĂ€tigen deren Kernaussagen.
Das Ergebnis ist ernĂŒchternd. Der Ausnutzungsgrad der Anlagen auf See ist von 42 Prozent auf nur noch rund ein Drittel gesunken. Die Werte von 46 bis 51 Prozent, die man sich fĂŒr gute Standorte erhofft hatte, wurden nirgends erreicht. Das ist deshalb brisant, weil die Stiftung Offshore-Windenergie die Grenze der Wirtschaftlichkeit bei 3.500 Volllaststunden im Jahr ansetzt. Das entspricht etwa 40 Prozent.
Abgeregelt, verschattet, verwirbelt
Woran liegt das? Der gröĂte Faktor sind nach der Studie NetzengpĂ€sse. Der Anteil des Offshore-Stroms, der abgeregelt werden muss, stieg von 0,2 auf fast 18 Prozent. UngefĂ€hr die HĂ€lfte des gesamten abgeregelten Ăkostroms stammt aus Windparks auf See. Seit 2020 werde im Schnitt mehr Leistung abgeregelt, als pro Jahr neu dazukommt. Einfacher gesagt: Man baut Anlagen, deren Strom das Netz nicht aufnehmen kann.
Hinzu kommt der sogenannte Winddiebstahl. In den Windfarmen stehen im Schnitt 53 Anlagen, und sie nehmen sich gegenseitig den Wind. So dicht wird gebaut, weil Seekabel sehr teuer sind. Neu ist auĂerdem ein Ergebnis zu kurzen Windschwankungen durch Böen und Luftwirbel hinter anderen RĂ€dern. Diese könnten den Ertrag um bis zu 20 Prozent senken. Die Einspeisung schwanke dadurch stĂ€rker als an Land.
Das MĂ€rchen vom gleichmĂ€Ăigen Meereswind
Damit gerĂ€t eine Annahme ins Wanken, die seit den ersten Offshore-Projekten um 2012 galt: dass Wind auf See fast so zuverlĂ€ssig sei wie ein Grundlastkraftwerk. Die Zahlen sprechen dagegen. Im Jahresmittel lag die Leistung an drei Tagen unter einem Prozent der installierten KapazitĂ€t und an 44 Tagen unter fĂŒnf Prozent. Auch die Behauptung, irgendwo wehe immer Wind, hĂ€lt die Studie fĂŒr widerlegt. Offshore- und Onshore-Anlagen wĂŒrden sich nicht ausgleichen. Beide brĂ€uchten fast vollstĂ€ndig ein Backup aus anderen Kraftwerken.
Die Konzerne ziehen bereits die ReiĂleine
Die Wirtschaft hat offenbar schon reagiert. Medienberichten zufolge wollen TotalEnergies und das Gemeinschaftsunternehmen Jera Nex BP ihre teuer ersteigerten FlĂ€chen zurĂŒckgeben. In der Auktion 2023 hatten BP und Total zusammen 12,6 Milliarden Euro zugesagt. Total soll zudem die hinterlegte Sicherheit von 750 Millionen Euro zurĂŒckfordern. Als GrĂŒnde nenne der Konzern Verzögerungen beim Netzausbau und schlechtere wirtschaftliche Bedingungen.
Das Ziel bleibt trotzdem hoch. Bis 2045 sollen 70 Gigawatt Leistung auf See stehen, heute sind es nur rund zehn. Eine britische Untersuchung aus dem Jahr 2012 bezifferte die Lebensdauer von Offshore-Anlagen auf etwa 15 Jahre. Stimmt das, mĂŒsste bis 2045 zusĂ€tzlich der gesamte heutige Anlagenbestand ersetzt werden. Dazu kommen die Montagebedingungen: Schon ab WindstĂ€rke 4 wird es schwierig, 115 Meter lange RotorblĂ€tter anzubringen, und Spezialschiffe gibt es nur wenige.
Ein Muster, das sich wiederholt
Aus Sicht unserer Redaktion fĂŒgt sich das in ein bekanntes Bild. Beim Atomausstieg 2011 ging man davon aus, dass die groĂen Nord-SĂŒd-Stromleitungen fertig sind, bevor die letzten Kernkraftwerke abgeschaltet werden. Die Kraftwerke gingen im April 2023 vom Netz. Mit den Leitungen rechnet man erst 2028. Beim Kohleausstieg sieht es Ă€hnlich aus: Er lĂ€uft weiter, obwohl neue Gaskraftwerke frĂŒhestens 2031 bereitstehen.
âHört auf die Wissenschaftâ war lange ein beliebter Satz in der Klimadebatte. Hier liegen belastbare Daten vor. Kritiker halten eine grundlegende ĂberprĂŒfung der Ausbauziele auf ihre Wirtschaftlichkeit fĂŒr ĂŒberfĂ€llig. Ob die Koalition von Friedrich Merz diese Daten ernst nimmt, ist offen. Die Stromrechnung zahlen am Ende die BĂŒrger und die Unternehmen in Deutschland.
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