
Gasspeicher halb leer: Warum die Entwarnung Zweifel weckt

Die Bundesnetzagentur gibt Entwarnung für den kommenden Winter. Deutschlands Gasspeicher seien mit gut 136 Terawattstunden – rund 55 Prozent der Kapazität – bereits jetzt ausreichend gefüllt, erklärte Behördenchef Klaus Müller. Doch der Speicherverband INES rechnet mit ganz anderen Szenarien. Und die enden im Februar 2027 bei null.
Die Rechnung der Behörde – und ihr blinder Fleck
Müllers Argument klingt zunächst bestechend: Im gesamten vergangenen Winterhalbjahr seien knapp 134 Terawattstunden aus den Speichern entnommen worden – weniger, als heute schon eingelagert ist.
„Wir haben jetzt schon etwas mehr Gas in den Speichern als wir im gesamten letzten Winterhalbjahr aus den Speichern entnommen haben“, sagte Müller der Deutschen Presse-Agentur. „Und in den nächsten Wochen bleibt Zeit für weitere Einspeicherungen.“
Nur: Der vergangene Winter war mild. Wer die Versorgungssicherheit eines Industrielandes am Verbrauch einer warmen Saison misst, rechnet sich die Lage schön – so jedenfalls lesen Kritiker die Botschaft aus Bonn.
Der Verband warnt: Bei Extremkälte gehen die Lichter aus
Der Branchenverband INES spricht von „historisch niedrigen Füllständen“. Laut seinem September-Update lagen die Speicher zu Monatsbeginn bei rund 53 Prozent – so wenig wie nie seit Beginn der Aufzeichnungen vor 15 Jahren. Ein Jahr zuvor waren es zum selben Zeitpunkt rund 71 Prozent.
Technisch seien bis zum 1. November noch etwa 77 Prozent erreichbar, heißt es in den Modellrechnungen. Dafür müsste in zwei Monaten mehr Gas eingelagert werden als in den drei Monaten davor zusammen. Bei normaler Witterung würde das reichen. Bei einem extrem kalten Winter – Referenz ist das Jahr 2010 – drohten laut Verband im Januar Unterdeckungen von über 25 Prozent an einzelnen Tagen, die Speicher wären Anfang Februar 2027 leer.
Warum niemand einspeichern will
Der Grund für die Zurückhaltung der Händler ist keine Nachlässigkeit, sondern kühle Kalkulation. Seit der Sperrung der Straße von Hormus im Zuge des Iran-Konflikts sind die Gaspreise selbst im Sommer hoch. Der klassische Sommer-Winter-Spread – billig kaufen, teuer verkaufen – ist zeitweise sogar negativ.
Wer heute einspeichert, macht möglicherweise Verlust. Hinzu kommt ein pikanter Anreiz: Werden die gesetzlichen Füllvorgaben zum 1. November verfehlt, kann der Staat die Befüllung anordnen – und würde dann wohl zu nahezu jedem Preis kaufen. Manche Verkäufer dürften genau darauf warten.
Zwischen Marktvertrauen und Staatsversagen
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) lehnt ein Eingreifen ab, die Bundesnetzagentur ebenfalls. „Staatliche Eingriffe wären in jedem Fall teuer“, so Müller. Er verweist auf die LNG-Terminals, die derzeit nur zu etwa 45 Prozent ausgelastet seien, und auf Pipelinegas aus Norwegen.
Das ist richtig – und doch nur die halbe Wahrheit. Denn Gas, das im Januar kurzfristig am Weltmarkt eingekauft wird, kostet ein Vielfaches. Die Rechnung landet am Ende dort, wo sie in diesem Land immer landet: bei Verbrauchern und Mittelstand.
Aus Sicht unserer Redaktion offenbart die Debatte ein strukturelles Problem: Ein Energiesystem, das erst Versorgungswege kappt und dann auf Marktkräfte hofft, ist verwundbar. Krisenfestigkeit entsteht nicht durch Beruhigungsrhetorik, sondern durch Vorsorge – bei der Energie wie beim Vermögen, wo physische Edelmetalle seit Jahrhunderten als krisenerprobte Beimischung gelten.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Er stellt keine Anlageberatung und keine Kaufempfehlung dar. Jeder Anleger ist für seine Entscheidungen selbst verantwortlich und sollte eigenständig recherchieren.
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