
Gasspeicher so leer wie nie: Deutschland pokert um den Winter

Deutschlands Gasspeicher sind für einen Augusttag so schlecht gefüllt wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Nach Daten des Verbands Gas Infrastructure Europe liegt der Füllstand bei rund 51 Prozent. Im Schnitt der Jahre 2011 bis 2025 waren es zum selben Zeitpunkt etwa 30 Prozentpunkte mehr.
Die Betreiber schlagen Alarm – vorsichtig, aber unüberhörbar. Der Oldenburger Versorger EWE erklärte auf Anfrage, die niedrigen Stände seien ernst zu nehmen und bedeuteten einen kleineren Puffer als in den Wintern zuvor. Technisch sei das Ziel von 80 Prozent bis zum 1. November noch erreichbar. Der Haken: Es lohnt sich schlicht nicht.
Warum niemand einspeichern will
Das Geschäftsmodell der Speicherwirtschaft ist simpel: im Sommer billig kaufen, im Winter teuer verkaufen. Genau dieser Sommer-Winter-Spread fehlt laut EWE derzeit weitgehend. Wer heute Gas einlagert, riskiert, im Februar draufzuzahlen.
Hinzu kommen geopolitische Verwerfungen. Der Leipziger Versorger VNG verweist auf den Konflikt um die Straße von Hormus und ausbleibende Lieferungen aus Katar. Zugleich, so eine Sprecherin, würden viele LNG-Ladungen nach Asien umgeleitet, wo höhere Preise locken.
Die Energieplattform Montel News hat vorgerechnet, dass Europa bis Ende Oktober über 420 zusätzliche LNG-Ladungen bräuchte, um auf 80 Prozent zu kommen. Damit die Tanker Kurs auf Europa nehmen, müsste der Preis über 60 Euro je Megawattstunde steigen. Ein voller Speicher wäre also nur um den Preis teurer Energie zu haben.
Speicherbetreiber können niemanden zwingen
EWE stellt lediglich Kapazitäten bereit – befüllt werden müssen sie von Händlern und Versorgern. Selbst gebuchte Plätze bleiben notfalls leer. Auch das Bundeswirtschaftsministerium verweist auf gebuchte Kapazitäten, doch eine Buchung ist eben kein Kubikmeter Gas.
Von Marktversagen will VNG ausdrücklich nichts wissen: Gas sei verfügbar, die Versorgung gesichert, die Akteure entschieden nach wirtschaftlichen Signalen. Nur zeigen diese Signale derzeit in die falsche Richtung. Kritisch werde es erst, so das Unternehmen, wenn ein außergewöhnlich kalter Winter, gestörte LNG-Lieferungen und weitere Marktturbulenzen zusammenfielen.
Staatsreserve kommt zu spät – Umlage droht
Die geplante strategische Gasreserve des Bundes hilft in diesem Winter nicht. Sie soll rund 24 Terawattstunden umfassen, knapp zehn Prozent der deutschen Speicherkapazität – befüllt wird aber erst ab Sommer 2027. Die Kosten für Aufbau und Erstbefüllung liegen Informationen von Reuters zufolge bei 1,2 bis 1,5 Milliarden Euro. Finanziert werden soll das womöglich über eine neue Gasumlage. Wer die am Ende zahlt, dürfte klar sein.
VNG bringt stattdessen sogenannte Long Term Options ins Spiel: Unternehmen verpflichten sich gegen Vergütung, im Krisenfall Gasmengen bereitzustellen. Der Staat kaufte kein Gas, sondern nur die Absicherung – laut VNG deutlich haushaltsschonender als direkte Markteingriffe.
Was das für Verbraucher bedeutet
Die Bundesnetzagentur nennt die Versorgung stabil, rät Haushalten aber zu sparsamem Verbrauch. Das Vergleichsportal Verivox rechnet bei anhaltendem Preisniveau mit bis zu 20 Prozent höheren Heizkosten. Zur Erinnerung: Die gesetzlichen Füllstandsvorgaben wurden 2025 von 90 auf 80 Prozent abgesenkt – die Latte liegt also bereits niedriger als früher.
Der Umbau der deutschen Energieversorgung sollte Unabhängigkeit bringen. Herausgekommen ist eine Wette auf den Weltmarkt, die im Januar teuer werden kann. Wer sein Vermögen gegen Energie- und Inflationsschocks absichern will, greift traditionell auch zu physischen Edelmetallen als Beimischung.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Er gibt unsere Einschätzung auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Jeder Anleger muss eigenständig recherchieren und trägt die Verantwortung für seine Entscheidungen selbst.
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