
Goldzähne-Vorwurf gegen die Schweiz: Influencer blamiert sich vor laufender Kamera

Ein reichweitenstarker linker YouTuber hat bei einer Demonstration im sächsischen Plauen behauptet, die Schweiz habe im Zweiten Weltkrieg jüdischen Flüchtlingen die Goldzähne herausgerissen und sie anschließend in Konzentrationslager geschickt. Die Szene stammt vom 8. August, kursiert seit Tagen in den sozialen Netzwerken – und ist inzwischen auch in der Schweiz ein Thema. Historisch haltbar ist die Darstellung nicht.
Was bei der Demo in Plauen gesagt wurde
Der 24-jährige Marc Keller, im Netz als „Marcant“ unterwegs, war nach Plauen gekommen, um mit Teilnehmern der rechten Kundgebung zu diskutieren. Nach Angaben des Berichts nahmen rund 10.000 Menschen teil.
Ein Demonstrant verwies im Gespräch über staatliche Neutralität auf die Schweiz, die sich aus beiden Weltkriegen herausgehalten habe. Kellers Antwort fiel knapp aus: „Das stimmt nicht.“ Dann folgte der Satz, der nun für Aufsehen sorgt:
„Die Schweiz hat Juden aufgenommen, die verfolgt wurden, hat denen die Goldzähne rausgerissen, hat denen die Sachen abgenommen und sie dann ins KZ gesteckt.“
Unmittelbar danach schob er nach, die Schweiz sei nicht unbeteiligt gewesen, sie habe „mitgemacht“.
Zwei Kapitel Geschichte – wild vermischt
Was hier zusammengerührt wird, sind zwei real dokumentierte, aber grundverschiedene Vorgänge. Das Herausbrechen von Zahngold war eine Praxis des nationalsozialistischen Lagersystems, nicht der Schweiz. Die SS raubte Gold von Ermordeten und Überlebenden aus Massenerschießungen sowie aus Konzentrations- und Vernichtungslagern.
Ein Teil dieses Raubgoldes gelangte anschließend über die Deutsche Reichsbank in die Schweiz. Dem Bericht der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg zufolge, auf den sich Schweizer Medien in diesem Zusammenhang berufen, stammte das Gold unter anderem von Opfern aus Auschwitz-Birkenau, Lublin-Majdanek, Belzec, Sobibor und Treblinka. Die SS soll Gold im Wert von mindestens 2,9 Millionen Dollar an die Reichsbank geliefert haben.
Die Rolle der Schweiz als Golddrehscheibe des NS-Staates ist also längst aufgearbeitet – von Historikern, in dicken Bänden, öffentlich zugänglich. Von der genauen Herkunft des Goldes hatte die Schweizerische Nationalbank nach heutigem Kenntnisstand allerdings keine Kenntnis. Schweizer Behörden haben niemandem Goldzähne gezogen und niemanden in deutsche Lager deportiert.
Auch bei der Flüchtlingspolitik stimmt das Bild nicht
Die Schweizer Flüchtlingspolitik jener Jahre war hart und ist zu Recht kritisiert worden. Ab 1938 galt die Weisung, jüdische Flüchtlinge – abgesehen von Härtefällen – an der Grenze zurückzuweisen. Das United States Holocaust Memorial Museum geht dennoch davon aus, dass fast 30.000 Juden in der Schweiz Aufnahme fanden, während rund 20.000 abgewiesen wurden.
Aus Sicht unserer Redaktion liegt genau hier das eigentliche Problem: Wer sich selbst zum Faktenchecker der Republik erklärt und anderen permanent historische Ahnungslosigkeit vorwirft, muss sich an seinen eigenen Maßstäben messen lassen. Eine Schweizer Zeitung sprach in ihrer Schlagzeile bereits von einer Lüge.
Der eigentliche Skandal: Geschichte als Stimmungswaffe
Der Holocaust ist kein rhetorischer Steinbruch für Straßendebatten. Wer Opferzahlen, Täterschaft und Verantwortung nach Bedarf neu sortiert, um in einer Diskussion zu punkten, beschädigt am Ende genau das Wissen, das er zu verteidigen vorgibt.
Und er liefert nebenbei ein Sittenbild der Debattenkultur im Jahr 2026: Empörung schlägt Recherche, Reichweite schlägt Quelle. Wäre etwas mehr historische Bildung zu viel verlangt?
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