
Jeder zweite Asylantrag in Deutschland kommt von Afghanen

Europas Asylzahlen sinken – doch Deutschland zieht weiter an. Nach dem am Donnerstag vorgelegten Halbjahresbericht der EU-Asylagentur EUAA stellten Afghanen von Januar bis Juni 2026 rund 39.000 Asylanträge in der EU, Norwegen und der Schweiz. 51 Prozent davon – knapp 20.000 – landeten in Deutschland.
Kein anderes Land in Europa ist für afghanische Antragsteller so attraktiv. Und während die Gesamtzahl aller Asylanträge im EU-Raum um 17 Prozent zurückging, schrumpfte die Zahl der afghanischen Gesuche nur um sieben Prozent. Der Anteil dieser Gruppe am Gesamtaufkommen wächst also weiter.
332.000 Anträge – und Deutschland als Magnet einer Gruppe
Insgesamt registrierten die 27 EU-Staaten plus Norwegen und Schweiz im ersten Halbjahr laut dem Bericht rund 332.000 Asylanträge. Frankreich führt die Liste mit 69.000 an, dahinter Italien (66.000) und Spanien (55.000). Deutschland liegt mit 54.000 Anträgen auf Platz vier.
Klingt nach Entspannung? Nur auf dem Papier. Im Vergleich der zwölf Monate bis Ende Juni 2026 mit dem Vorjahreszeitraum haben sich die afghanischen Anträge in Deutschland dem Bericht zufolge von rund 30.000 auf 68.000 mehr als verdoppelt. EU-weit legten sie im selben Zeitraum um 37 Prozent zu.
Der Treiber: Folgeanträge afghanischer Frauen
Die EUAA erklärt den Sprung vor allem mit Folgeanträgen afghanischer Frauen, die längst in Europa leben. Nach einer rechtlichen Klarstellung hätten viele erneut Asyl beantragt, um statt eines subsidiären oder nationalen Schutzes die volle Flüchtlingseigenschaft zu erhalten – mit weitergehenden Rechten, etwa beim Familiennachzug.
Hintergrund ist eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs vom Oktober 2024: Afghanischen Frauen kann allein aufgrund von Geschlecht und Staatsangehörigkeit Flüchtlingsschutz zuerkannt werden. Aus Sicht unserer Redaktion ein Lehrstück darüber, wie Gerichtsurteile in Luxemburg die Migrationsbilanz Berlins umschreiben – ohne dass ein Parlament je darüber abgestimmt hätte.
Die Zahlen belegen den Effekt: Folgeanträge machten im ersten Halbjahr 16 Prozent aller Asylgesuche aus, rund 54.000 – der höchste Anteil seit Jahren. Die Erstanträge sanken dagegen um 21 Prozent.
79 Prozent Schutzquote – Deutschland sagt fast immer Ja
Besonders aufschlussreich sind die Anerkennungsquoten. Europaweit lag der Durchschnitt über alle Nationalitäten bei 31 Prozent, bei Afghanen bei 73 Prozent. Deutschland entschied rund 36.000 afghanische Fälle – und gewährte in 79 Prozent Flüchtlings- oder subsidiären Schutz.
- Österreich: 82 Prozent
- Deutschland: 79 Prozent
- Frankreich und Griechenland: je 69 Prozent
- Schweiz: 64 Prozent
- Belgien: 39 Prozent
Der neue EU-Asylpakt sieht Schnellverfahren nur für Herkunftsländer mit einer Anerkennungsquote von maximal 20 Prozent vor. Für Afghanen greift dieser Beschleunigungsmechanismus damit nicht.
1,18 Millionen offene Fälle – der Rückstau bleibt
Ende Juni warteten europaweit noch 770.000 Asylbewerber auf eine Erstentscheidung. Rechnet man Berufungs- und Überprüfungsverfahren hinzu, waren schätzungsweise 1,18 Millionen Fälle offen. Bereits 2025 war die Zahl der Anträge im EU-Raum Medienberichten zufolge um 19 Prozent auf rund 822.000 gesunken – Deutschland blieb dennoch wichtigstes Zielland.
Die Kanzlerkoalition unter Friedrich Merz hat einen migrationspolitischen Kurswechsel versprochen. Für viele Bürger dürfte die Frage bleiben, warum ausgerechnet Deutschland bei einer einzelnen Herkunftsgruppe jeden zweiten Antrag Europas verzeichnet – und was das über die eigene Steuerungsfähigkeit aussagt.
Dieser Beitrag stellt keine Rechtsberatung dar. Er gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder.
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