
Kahlschlag bei WMF: Französischer Mutterkonzern opfert deutsche Traditionsarbeitsplätze auf dem Altar der Globalisierung

Es ist ein Bild, das sich in Deutschland mittlerweile mit erschreckender Regelmäßigkeit wiederholt: Ein ausländischer Konzern, der eine deutsche Traditionsmarke übernommen hat, greift zum Rotstift – und die Leidtragenden sind einmal mehr deutsche Arbeitnehmer. Der französische Haushaltsgeräte-Riese SEB hat einen drastischen Sparkurs verkündet, der die württembergische Traditionsmarke WMF mit voller Wucht trifft. Bis zu 2100 Stellen sollen europaweit gestrichen werden, davon allein bis zu 600 in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Drei deutsche Werke stehen vor dem Aus.
Drei Standorte vor der Schließung – ganze Regionen bangen
Die Werke in Riedlingen, Hayingen und Diez sollen nach den Plänen des Mutterkonzerns geschlossen werden. Damit würden komplette Produktionsstrukturen wegfallen, die über Jahrzehnte gewachsen sind und für die betroffenen Regionen weit mehr bedeuten als bloße Wirtschaftsstandorte. Sie sind das Rückgrat ganzer Gemeinden, Arbeitgeber für Familien, Steuerzahler für Kommunen. Doch solche Überlegungen scheinen in der Konzernzentrale im französischen Écully bei Lyon offenbar keine Rolle zu spielen.
Am WMF-Hauptsitz in Geislingen an der Steige – der Wiege des Unternehmens – läuft bereits seit Wochen Kurzarbeit. Die Belegschaft ist verunsichert, konkrete Entscheidungen stehen noch aus. Einzig die Produktion von Kaffeemaschinen sei laut Betriebsrat vorerst nicht betroffen. Ein schwacher Trost für Tausende Beschäftigte, die um ihre berufliche Existenz fürchten.
Asiatischer Preisdruck als Vorwand?
SEB begründet den radikalen Umbau mit sinkendem Wettbewerbsfähigkeit und steigendem Preisdruck aus Asien. Bis Ende 2027 sollen rund 200 Millionen Euro eingespart werden. Verwaltung, Vertrieb und Marketing würden verschlankt, heißt es in der üblichen Konzernsprache, die das Wort „Massenentlassungen" geflissentlich umschifft.
Doch man darf durchaus die Frage stellen: Ist es wirklich nur der asiatische Wettbewerb, der europäische Industrieunternehmen in die Knie zwingt? Oder sind es nicht vielmehr die hausgemachten Probleme – explodierende Energiekosten, eine erdrückende Bürokratie, eine Steuerlast, die ihresgleichen sucht, und eine Wirtschaftspolitik, die jahrelang ideologischen Experimenten den Vorzug vor industrieller Vernunft gab? Deutschland war einst der Werkbank-Standort Europas. Heute wandert ein Traditionsunternehmen nach dem anderen ab, schließt Werke oder meldet Insolvenz an. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis politischen Versagens.
Gewinneinbruch von 25 Prozent – Aktionäre jubeln trotzdem
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Der Gewinn vor Zinsen und Steuern des SEB-Konzerns sank um satte 25 Prozent auf 601 Millionen Euro. Zweimal musste das Unternehmen im vergangenen Jahr seine Prognosen nach unten korrigieren. Und wie reagierte die Börse auf die Ankündigung des Kahlschlags? Die Aktie legte am Mittwoch um rund elf Prozent zu. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Während Hunderte Familien in Deutschland vor einer ungewissen Zukunft stehen, klatschen Investoren Beifall, weil Kostensenkungen die Rendite versprechen. Es ist der zynische Mechanismus des globalisierten Kapitalismus in seiner reinsten Form.
170 Jahre Geschichte – und jetzt?
WMF ist keine beliebige Marke. Das Unternehmen blickt auf mehr als 170 Jahre Geschichte zurück. 1853 gründeten Daniel Straub und die Brüder Schweizer in Geislingen eine Metallwarenfabrik, aus der die Württembergische Metallwarenfabrik hervorging – ein Unternehmen, das Generationen von Deutschen mit Besteck, Kochgeschirr und Küchengeräten begleitete. Weltweit sollen täglich mehr als 100 Millionen Menschen Produkte des Herstellers nutzen. Doch was nützt diese stolze Tradition, wenn die Produktion Stück für Stück ins Ausland verlagert oder schlicht eingestampft wird?
Die Symbolkraft dieses Vorgangs kann kaum überschätzt werden. WMF steht exemplarisch für den schleichenden Niedergang der deutschen Industrielandschaft. Was mit der Textilindustrie begann, setzte sich über die Elektronikbranche fort und erfasst nun selbst jene Sektoren, die man lange für unantastbar hielt. Die Frage ist nicht mehr, ob Deutschland seine industrielle Basis verliert, sondern wie schnell.
Verhandlungen als letzter Strohhalm
Erste Gespräche mit Arbeitnehmervertretern haben begonnen. Diese Verhandlungen dürften über mögliche Sozialpläne und den tatsächlichen Umfang der Kündigungen entscheiden. Von den rund 4400 Arbeitsplätzen in der DACH-Region könnten bis zu 600 wegfallen, weitere 800 Stellen an anderen europäischen Standorten. Die Beschäftigten warten auf klare Perspektiven – doch die Erfahrung lehrt, dass solche „Verhandlungen" allzu oft nur noch die Modalitäten des Abschieds regeln.
Deutschland braucht dringend eine Wirtschaftspolitik, die den Standort wieder attraktiv macht, statt ihn durch Überregulierung und ideologische Alleingänge systematisch zu schwächen. Solange das nicht geschieht, werden wir Meldungen wie diese mit trauriger Regelmäßigkeit lesen müssen. Die Frage, die sich jeder Bürger stellen sollte, lautet: Wie viele Traditionsunternehmen müssen noch sterben, bevor die Politik aufwacht?












