
Kimmichs Ruf nach „positivem Patriotismus“: Ein Hilferuf aus einem zerrissenen Land

Wenn der Kapitän der deutschen Fußballnationalmannschaft sich vor dem WM-Auftakt ausgerechnet „positiven Patriotismus“ wünscht, dann sagt das mehr über den Zustand dieses Landes aus als jede Statistik. Joshua Kimmich, Mittelfeldmotor des FC Bayern, hat in einem Interview offen ausgesprochen, was viele längst spüren: Deutschland ist gespalten, gereizt, unzufrieden. Am Sonntag startet die Mannschaft gegen das winzige Inselland Curaçao in die Weltmeisterschaft in Nordamerika – und der Kapitän hofft, dass der Fußball wenigstens für ein paar Wochen kitten kann, was die Politik über Jahre zerrissen hat.
Wenn der Patriotismus ein Adjektiv zur Sicherheit braucht
Bemerkenswert ist schon die Wortwahl. „Positiver Patriotismus“ – als müsste man die Liebe zum eigenen Land vorsichtshalber mit einem beschwichtigenden Adjektiv abfedern, damit niemand auf die Idee kommt, hier werde etwas Verbotenes verlangt. Kimmich sagte selbst, er habe „oft das Gefühl, dass das aufgrund unserer Vergangenheit nicht immer möglich ist“. Genau hier liegt das eigentliche Drama. In welchem anderen Land der Welt muss ein Nationalspieler eine derartige Schutzformel voranstellen, bevor er es wagt, sich Stolz auf die eigene Heimat zu wünschen?
„Selbstverständlich spüre ich die aktuelle Unzufriedenheit in Deutschland und auch, dass es politisch und gesellschaftlich ziemlich unruhig ist“, so der 31-Jährige.
Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass diese Unruhe nicht vom Himmel gefallen ist. Sie ist das Ergebnis einer jahrelangen Politik, in der das Wort „Heimat“ verdächtig, die schwarz-rot-goldene Fahne argwöhnisch beäugt und jedes Bekenntnis zur eigenen Nation reflexartig in die rechte Ecke gestellt wurde.
Das Sommermärchen von 2006 – und was davon übrig blieb
Kimmich erinnerte an die Heim-WM 2006, als er selbst elf Jahre alt war. Damals, so sagte er, habe Deutschland der Welt eine Offenheit gezeigt, die das Bild des Landes bis heute präge. Das mag stimmen. Doch zwischen 2006 und heute liegen Welten. Damals durfte man die Fahne noch unbeschwert aus dem Fenster hängen, ohne sich Sorgen machen zu müssen, dass jemand die Polizei ruft oder einem ein Etikett verpasst. Heute scheint genau das in manchen Vierteln dieser Republik kaum noch denkbar.
Wer sich fragt, woher der gesellschaftliche Zusammenhalt kommen soll, den Kimmich beschwört, der muss bei jenen anklopfen, die ihn systematisch demontiert haben. Patriotismus lässt sich nicht für vier Wochen Weltmeisterschaft aus dem Schrank holen und danach wieder einmotten. Er muss täglich gelebt werden – und zwar zuallererst von einer Regierung, die ihrem eigenen Volk wieder dienen will, statt es zu belehren.
Ein Kanzler-Videocall und der Spott im Netz
Pikant am Rande: Erst vor wenigen Tagen wünschte Bundeskanzler Friedrich Merz der Mannschaft per Videoanruf Glück. Das veröffentlichte Video erntete in den sozialen Medien jedoch überwiegend Häme. Vielleicht, weil die Menschen längst durchschaut haben, wie wohlfeil solche Gesten sind, wenn gleichzeitig im Land die Stimmung kippt und die alltäglichen Sorgen der Bürger ungehört bleiben.
Der Sport als Pflaster auf einer tiefen Wunde
Natürlich darf man Kimmich zugutehalten, dass er es ehrlich meint. Ein Sieg gegen Curaçao könnte den Grundstein für ein erfolgreiches Turnier legen, und Deutschland gilt klar als Favorit. Allerdings ist die Erinnerung an die beiden letzten Weltmeisterschaften wenig ermutigend – zweimal schied man trotz Favoritenrolle blamabel in der Vorrunde aus. Im weiteren Verlauf der Gruppenphase warten die Elfenbeinküste und Ecuador.
Doch selbst ein Titelgewinn würde nichts an der grundlegenden Schieflage ändern. Ein Pokal heilt keine zerrüttete Gesellschaft. Der Wunsch nach Zusammenhalt ist verständlich, ja sogar sympathisch. Aber er bleibt eine Illusion, solange jenen, die ihr Land schlicht lieben, weiterhin Misstrauen entgegenschlägt. Die wahre Aufgabe liegt nicht auf dem Rasen in Nordamerika, sondern in den politischen Schaltzentralen Berlins – dort, wo entschieden wird, ob Deutschland wieder ein Land sein darf, auf das man stolz sein kann, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.
Vielleicht ist Kimmichs Appell am Ende vor allem eines: ein stiller Hilferuf. Und ein Spiegel dafür, wie weit es gekommen ist, wenn selbst der Wunsch nach ein bisschen Heimatliebe nur noch mit Sicherheitsabstand und beschwichtigenden Worten ausgesprochen werden kann.

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