
Krypto-Gigant Tether hortet Gold wie eine Zentralbank – und erschüttert damit den Edelmetallmarkt

In einem ehemaligen Schweizer Atombunker aus der Zeit des Kalten Krieges lagert ein Schatz, der selbst James Bond neidisch machen würde. Woche für Woche werden mehr als eine Tonne Gold in die hochgesicherten Gewölbe geschafft – nicht von einer Zentralbank, nicht von einem Staat, sondern von einem Unternehmen, das die meisten Menschen mit Kryptowährungen assoziieren: Tether Holdings SA.
Der stille Aufstieg zum Gold-Giganten
Was sich hier abspielt, ist nichts weniger als eine Revolution im globalen Goldmarkt. Tether, bekannt als Herausgeber des weltweit größten Dollar-Stablecoins USDT, hat sich innerhalb eines Jahres zu einem der bedeutendsten Akteure im Edelmetallhandel entwickelt. Mit rund 140 Tonnen Gold im Wert von etwa 23 Milliarden Dollar verfügt das Unternehmen über den größten bekannten privaten Goldbestand außerhalb von Zentralbanken, börsengehandelten Fonds und Geschäftsbanken.
Die Zahlen sind schlichtweg atemberaubend: Allein im vergangenen Jahr erwarb Tether über 70 Tonnen des gelben Metalls. Damit übertrumpfte das Krypto-Unternehmen nahezu sämtliche Zentralbanken der Welt – einzig Polen mit 102 Tonnen kaufte mehr. Selbst die drei größten Gold-ETFs, hinter denen Zehntausende von Investoren stehen, konnten mit diesem Kaufrausch kaum mithalten.
„Wir werden zu einer der größten Gold-Zentralbanken der Welt"
Paolo Ardoino, der 41-jährige italienische CEO von Tether, macht aus seinen Ambitionen keinen Hehl. In einem Interview beschrieb er die Rolle seines Unternehmens im Goldmarkt als vergleichbar mit der einer Zentralbank.
„Wir werden bald im Grunde eine der größten Gold-Zentralbanken der Welt", erklärte er selbstbewusst. Das Unternehmen kaufe derzeit ein bis zwei Tonnen Gold pro Woche und plane, dieses Tempo „definitiv in den nächsten Monaten" beizubehalten.
Die Logistik hinter diesen Käufen ist eine Herausforderung für sich. Tether erwirbt das Edelmetall sowohl direkt von Schweizer Raffinerien als auch von den größten Finanzinstituten des Marktes. Eine Großbestellung kann Monate dauern, bis sie vollständig geliefert ist. Das Unternehmen sucht bereits nach Wegen, den Beschaffungsprozess effizienter zu gestalten – denn ein bis zwei Tonnen pro Woche sind selbst für erfahrene Marktteilnehmer eine gewaltige Menge.
Vom Krypto-Riesen zum Goldhandels-Konkurrenten
Doch Ardoino will mehr als nur Gold horten. Er plant, mit den etablierten Großbanken wie JPMorgan Chase und HSBC in den direkten Wettbewerb zu treten. Tether benötige „den besten Handelsraum für Gold der Welt", um langfristig weiter kaufen zu können und potenzielle Marktineffizienzen auszunutzen, so der CEO. Das Unternehmen hat bereits zwei hochrangige Goldhändler von HSBC abgeworben – ein Schritt, der in der Branche für erhebliches Aufsehen sorgte.
Die Strategie umfasst auch Arbitrage-Geschäfte, wenn die Preise von Gold-Futures stark von den Preisen für physisches Metall abweichen. Dabei betont Ardoino, dass Tether stets „sehr long in physischem Gold" bleiben werde. Der Besitz des physischen Metalls sei entscheidend – so wichtig, dass das Unternehmen den ungewöhnlichen Schritt gegangen ist, das Edelmetall selbst in dem ehemaligen Atombunker zu lagern, geschützt durch mehrere Schichten dicker Stahltüren.
Beteiligungen an Royalty-Unternehmen
Die Goldstrategie von Tether beschränkt sich nicht auf den physischen Erwerb des Metalls. Das Unternehmen hat auch Beteiligungen an nahezu allen mittelgroßen kanadischen Royalty-Unternehmen erworben, darunter Elemental Royalty Corp, Metalla Royalty & Streaming Ltd, Versamet Royalties Corp und Gold Royalty Corp. Diese Firmen spezialisieren sich darauf, Einnahmeströme von Goldminenbetreibern zu kaufen. Die rasche Anhäufung dieser Beteiligungen wurde offenbar von Juan Sartori vorangetrieben – einem ehemaligen uruguayischen Senator, Geschäftsmann und Miteigentümer des Premier-League-Fußballclubs Sunderland AFC.
Gold als Schutz vor dem Verfall des Dollars
Die Motivation hinter Tethers massiven Goldkäufen ist aufschlussreich und spiegelt ein tiefes Misstrauen gegenüber staatlichen Währungen wider. Gold sei „logischerweise ein sichererer Vermögenswert als jede nationale Währung", erklärte Ardoino. Jede einzelne Zentralbank in den BRICS-Staaten kaufe Gold. Die Nutzer von Tethers Dollar-Stablecoin in Schwellenländern seien „genau die Menschen, die Gold lieben und es seit langem nutzen, um sich vor ihren eigenen Regierungen zu schützen, die ihre Währungen abwerten".
Ardoino prognostiziert sogar, dass Washingtons geopolitische Rivalen eine goldgedeckte Alternative zum Dollar einführen werden.
„Wir glauben, dass die Welt in Richtung Dunkelheit geht. Wir glauben, dass es viel Unruhe gibt."Eine Einschätzung, die angesichts der aktuellen geopolitischen Spannungen und der massiven Staatsverschuldung westlicher Länder durchaus nachvollziehbar erscheint.
Der Einfluss auf den Goldpreis
Die schiere Größe von Tethers Käufen hat bereits Spuren im Markt hinterlassen. Analysten von Jefferies Financial Group bezeichneten Tether als „bedeutenden neuen Käufer", der „eine nachhaltige Goldnachfrage antreiben könnte". Die Käufe hätten wahrscheinlich zur 65-prozentigen Rallye des Goldpreises im vergangenen Jahr beigetragen, der erstmals die Marke von 5.100 Dollar pro Unze überschritt.
John Reade, Chefstratege des World Gold Council, relativiert allerdings den Einfluss: Tethers Käufe seien zwar ein Faktor gewesen, aber nur ein kleiner Teil der Gründe für die spektakuläre Rallye. Zentralbanken und ETF-Investoren hätten zusammen mehr als 1.500 Tonnen Metall gekauft. Dennoch sei es „wirklich interessant, dass einer der Hauptakteure in der Krypto-Landschaft Gold als den ursprünglichen Trade gegen die Abwertung des US-Dollars sieht".
Tether Gold – die nächste Stufe
Neben den Reservekäufen treibt Tether auch seinen eigenen Gold-Token voran. Tether Gold, oder XAUT, ist ein Token, der gegen physisches Gold eingelöst werden kann. Das Unternehmen hat XAUT im Gegenwert von etwa 16 Tonnen Gold oder 2,6 Milliarden Dollar ausgegeben und kürzlich eine kleinere Stückelung namens Scudo eingeführt.
Ardoino sieht eine „gute Chance", dass XAUT dieses Jahr mit 5 bis 10 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung abschließen wird. In diesem Fall müsste das Unternehmen möglicherweise mehr als eine Tonne Gold pro Woche allein für XAUT kaufen – zusätzlich zu den Käufen für die eigenen Reserven.
Risiken und Kritik
Natürlich birgt die Goldstrategie auch Risiken. Jede Abkehr von US-Dollar-Beständen könnte zu Verlusten führen, die Tethers Fähigkeit gefährden, seinen Dollar-Stablecoin USDT stets bei einem Wert von einem Dollar zu halten. Im November wurde USDT von S&P Global Ratings auf ein „schwaches" Stabilitätsrating herabgestuft. Die Analysten verwiesen auf den „Anstieg des Engagements in risikoreichen Vermögenswerten in den USDT-Reserven im vergangenen Jahr", darunter Bitcoin, Gold, besicherte Kredite und Unternehmensanleihen, sowie auf begrenzte Offenlegung.
Bisher jedoch war Tethers Goldwette spektakulär erfolgreich. Die Käufe fielen mit der größten Marktrallye seit den 1970er Jahren zusammen, während Investoren und Regierungen zunehmend besorgt sind, Dollar zu halten.
Ein Zeichen der Zeit
Was Tether hier vollzieht, ist mehr als nur eine Investitionsstrategie – es ist ein Statement. In einer Welt, in der das Vertrauen in staatliche Währungen und Institutionen schwindet, in der Zentralbanken Geld drucken als gäbe es kein Morgen und Staatsschulden astronomische Höhen erreichen, wendet sich selbst ein Krypto-Gigant dem ältesten Wertspeicher der Menschheit zu: dem Gold.
Die Botschaft ist unmissverständlich: Physisches Gold bleibt der ultimative Schutz gegen monetäre Verwerfungen und politische Instabilität. Wenn ein Unternehmen, das sein Vermögen mit digitalen Währungen gemacht hat, Milliarden in glänzendes Metall investiert und dieses in einem Schweizer Atombunker versteckt, sollte das jedem Anleger zu denken geben.
Hinweis: Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar. Jeder Anleger ist selbst für seine Investitionsentscheidungen verantwortlich und sollte vor einer Anlageentscheidung eigene Recherchen durchführen oder einen qualifizierten Finanzberater konsultieren. Physische Edelmetalle können jedoch als sinnvolle Ergänzung zur Vermögenssicherung und als Beimischung zu einem breit gestreuten Anlageportfolio dienen.

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