
Phantom-Projekte im Stromnetz: Wer zahlt für Anlagen, die nie kommen?

Über 18.000 Anträge, 573,5 Gigawatt beantragte Leistung und ein großer Teil davon wohl nur auf dem Papier: Allein 2025 haben Projektentwickler die deutschen Netzbetreiber mit Anschlussanträgen für Batteriespeicher überhäuft. Spitzenmanager wie E.ON-Chef Leonhard Birnbaum und 50Hertz-Chef Stefan Kapferer warnen inzwischen vor einer gefährlichen Fehlentwicklung. Bezahlen könnten am Ende die Stromkunden.
Ein Ansturm wie im Goldrausch
Wie groß 573,5 Gigawatt sind, zeigt ein Vergleich: An kalten Wintertagen braucht ganz Deutschland zu Spitzenzeiten nur einen Bruchteil davon. Beantragt wurde also ein Vielfaches dessen, was das Land überhaupt verbraucht. Fachmedien zufolge wurden am Ende rund 54 Gigawatt zugesagt.
Laut Zahlen der Bundesnetzagentur gingen in den regionalen Verteilernetzen 17.775 Speicheranträge ein. Zunächst erhielten nur 1.429 eine Zusage, das sind rund acht Prozent. Im überregionalen Übertragungsnetz lag die Quote bei etwa zehn Prozent. Eine fehlende Zusage ist allerdings nicht automatisch eine Absage. Viele Verfahren laufen noch, und manche Anträge betreffen nur Alternativstandorte für dasselbe Vorhaben.
Genau da liegt das Problem. Entwickler melden oft mehrere Standorte gleichzeitig an, obwohl sie später nur einen bebauen. So entsteht ein künstlich aufgeblähter Bedarf. Die Netzbetreiber müssen trotzdem jeden Antrag prüfen und durchrechnen. Das kostet Zeit und Personal.
Anschlussrechte als Handelsware
Besonders deutlich wird das beim ostdeutschen Netzbetreiber Mitnetz Strom. Bis Mitte September 2026 gingen dort mehr als 10.000 Anträge für Batteriespeicher ein. Knapp 650 größere Projekte standen dabei für rund 97 Prozent der angemeldeten Leistung. Geschäftsführer Lutz Eckenroth spricht von einer regelrechten Goldgräberstimmung. Manche Entwickler wollten Berichten zufolge sogar mit dem Weiterverkauf von Anschlussrechten Geld verdienen.
Die Rechnung landet beim Bürger
Birnbaum und Kapferer weisen auf die finanziellen Folgen hin. Leitungen, Transformatoren und Umspannwerke werden für den Bedarf geplant, der langfristig erwartet wird. Entstehen die beantragten Anlagen dann nicht, sind die Investitionen womöglich unnötig oder zu groß ausgelegt.
Bezahlt wird das Netz über die regulierten Netzentgelte, also über die Stromrechnung. Fehlplanungen treffen damit Familien, Handwerksbetriebe und Mittelständler. Und das in einem Land, dessen Strompreise schon jetzt zu den höchsten der Welt gehören.
Industrie und Rechenzentren müssen warten
Um die knappen Anschlüsse konkurrieren längst nicht mehr nur Windräder, Solarparks und Speicher. Auch Industriebetriebe, Rechenzentren und neue Gewerbegebiete brauchen viel Leistung. Neue Leitungen und Umspannwerke lassen sich aber nicht schnell bauen. Große Ansiedlungen können deshalb jahrelang festhängen. Für einen Industriestandort, der ohnehin unter Druck steht, ist das schädlich.
Bei den Batteriespeichern gibt es dabei einen Widerspruch. Sie sollen überschüssigen Wind- und Solarstrom aufnehmen und das Netz entlasten. Gleichzeitig brauchen sie selbst starke Anschlüsse und nehmen damit anderen Kapazität weg. Wie nützlich ein Speicher ist, hängt nicht von der Anzahl ab, sondern von Standort, Betriebsweise und freier Netzkapazität.
Neue Regeln, alte Baustellen
Die Bundesregierung will gegensteuern. Am 7. Oktober hat sich der Bundestag mit dem sogenannten Netzanschlusspaket befasst. Künftig sollen gut vorbereitete Projekte Vorrang bekommen. Bisher zählte vor allem, wer zuerst beantragt hat. Auch Netzbetreiber stellen um: Bei Netze BW startet am 1. November ein Auswahlverfahren, das Planungsstand und feste Standortbindung berücksichtigt.
Das bremst die Antragsflut, schafft aber kein einziges zusätzliches Megawatt Netzkapazität. Ungeklärt bleibt außerdem, wer die Kosten trägt, wenn für Phantom-Projekte geplant wurde oder wenn Erzeugung und Verbrauch schlecht aufeinander abgestimmt sind. Nach Ansicht unserer Redaktion braucht die Energiewende weniger politische Wunschziele und mehr wirtschaftlichen Realismus, sonst zahlen die Bürger für Anlagen, die nie gebaut werden.
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