
Rekordverschuldung an den Börsen: Wenn selbst der mächtigste Bankchef der Wall Street nervös wird

Wenn ein Mann, der seit fast zwei Jahrzehnten die größte Bank der Vereinigten Staaten führt, öffentlich vor dem Ausmaß der Verschuldung an den Finanzmärkten warnt, dann sollte man zumindest kurz das Kaffeetässchen abstellen. Jamie Dimon, Vorstandschef von JPMorgan Chase, hat in einem Interview mit dem US-Sender CNBC genau das getan – und dabei einen Satz gesagt, der wie ein Warnschuss durch die Handelssäle hallt: Die Wertpapierkredite, im Fachjargon Margin Debt, seien so hoch wie noch nie in der Geschichte.
Die Schulden, die niemand sieht
Besonders bemerkenswert ist nicht die nackte Zahl, sondern das, was Dimon über den unsichtbaren Teil des Eisbergs sagte. Ein großer Teil dieser Hebelwirkung laufe schlicht unter anderem Namen – über Prime-Brokerage-Geschäfte, über Hedgefonds, über börsengehandelte Fonds und über Arbitragestrategien mit US-Staatsanleihen. Öffentlich sichtbar sei nur ein Bruchteil. Man könnte es auch so formulieren: Das moderne Finanzsystem hat gelernt, seine Schulden umzutaufen, damit sie in keiner Statistik mehr auffallen.
„Es gibt eine Menge Margin-Schulden, die man nicht sieht, weil sie nicht so genannt werden. Sie heißen anders." – so sinngemäß der JPMorgan-Chef gegenüber CNBC.
Wer sich an das Jahr 2008 erinnert, kennt dieses Muster. Damals hießen die Sprengsätze CDO, ABS und Conduit – klangvolle Abkürzungen, die niemand verstand und die genau deshalb so lange unbehelligt wachsen durften, bis das ganze Kartenhaus in sich zusammenfiel. Dimon selbst zog den Vergleich, allerdings mit einer feinen Unterscheidung: Nicht der Hebel an sich habe die Finanzkrise ausgelöst, sondern die realen Verluste bei Hypothekenkrediten. Ein rhetorisch geschickter Einwand. Doch er ändert nichts an der simplen Mechanik: Hoher Hebel verwandelt einen Schnupfen in eine Lungenentzündung.
Ein Hedgefonds als Warnsignal
Wie schnell das gehen kann, hat sich unlängst gezeigt. Der auf Künstliche Intelligenz spezialisierte Hedgefonds Situational Awareness verhob sich an gehebelten Technologiewetten, kassierte Nachschussforderungen und musste große Teile seines Aktienportfolios verkaufen. JPMorgan war einer der Prime Broker. Dimon deutete den Vorfall gelassen als Beweis dafür, dass der Markt einen solchen Zusammenbruch verkraften könne. Wirklich beruhigend klingt das nicht. Denn genau so beginnen Krisen: mit einem Einzelfall, den alle für einen Einzelfall halten. Der Bankchef räumte immerhin ein, dass die Wahrscheinlichkeit steige, dass ein einzelner Akteur den Markt binnen Stunden in Aufruhr versetze. Und wenn die Volatilität anziehe, würden Banken und Clearingstellen mehr Sicherheiten verlangen – jener Dominoeffekt, der schon manche Liquidation beschleunigt hat.
Aufrüstung, Defizite, Inflation – der Cocktail für den deutschen Sparer
Der für europäische Leser interessanteste Teil des Interviews betrifft jedoch die Inflation. Dimon verwies auf die strukturelle Kapitalnachfrage: Staatsdefizite, Infrastrukturinvestitionen und die weltweite Wiederaufrüstung. Die Remilitarisierung der Welt, so seine Einschätzung, wirke inflationär und stütze dauerhaft höhere Langfristzinsen. Er hatte diese Kräfte bereits früher als den „Stinktier auf der Party" bezeichnet.
Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, wo Deutschland in diesem Bild steht. Ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro für Infrastruktur, gigantische Rüstungsausgaben, dazu die im Grundgesetz zementierte Klimaneutralität bis 2045 – alles kreditfinanziert, alles zu Lasten kommender Generationen. Ein Kanzler, der im Wahlkampf keine neuen Schulden versprach, hat die Schleusen weiter geöffnet als jede Regierung zuvor. Wer glaubt, dass diese Billionenbeträge folgenlos aus der Druckerpresse quellen, sollte Dimons Warnung zweimal lesen. Die Rechnung zahlt am Ende immer derselbe: der Bürger, über Steuern, über Abgaben, über schleichende Geldentwertung.
Was bleibt, wenn der Hebel bricht?
Papierversprechen sind nur so viel wert wie die Bonität dessen, der sie ausstellt. Gehebelte Aktienportfolios, Anleihe-Arbitrage und ETF-Konstruktionen funktionieren hervorragend – solange alle in dieselbe Richtung laufen. Physische Edelmetalle kennen keine Nachschussforderung, keinen Prime Broker und keinen Emittenten, der ausfallen könnte. Gold und Silber im eigenen Zugriff sind kein Renditeversprechen, sondern eine Versicherung gegen genau jene Verwerfungen, vor denen der oberste Banker der Wall Street soeben gewarnt hat. In einem breit gestreuten Vermögen sollten sie deshalb einen festen Platz haben.
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