
Roths späte Beichte: Hat der Zentralrat sie zum Schweigen gebracht?

Die frühere Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) hat im Podcast „Jung & Naiv“ mit ihrer eigenen Amtszeit abgerechnet. In dem am Mittwoch, 4. November 2026, veröffentlichten Gespräch beklagt sie eine „toxische“ Israel-Debatte in Deutschland. Und sie erhebt einen heiklen Vorwurf: Der Zentralrat der Juden habe sie massiv unter Druck gesetzt.
Was dahinter steckt, reicht weit über eine persönliche Rückschau hinaus. Es geht um die Frage, wie Deutschland mit seiner Geschichte und seiner Verantwortung gegenüber Israel umgeht.
Documenta und Berlinale: Zwei Skandale, eine Ministerin
Im Mittelpunkt des Gesprächs standen zwei Kulturereignisse, die Roths Zeit im Kanzleramt geprägt haben. Auf der documenta 15 in Kassel wurden 2022 Werke mit antisemitischer Bildsprache gezeigt. Damals erntete die Kunstschau bundesweit Empörung, und die Ministerin geriet heftig in die Kritik.
Zwei Jahre später folgte die Berlinale 2024. Ausgezeichnet wurde dort der Dokumentarfilm „No Other Land“ über das Westjordanland, gedreht vom Israeli Yuval Abraham und vom Palästinenser Basel Adra. In seiner Rede forderte Abraham ein Ende der aus seiner Sicht herrschenden Apartheid im Westjordanland. Adra warf der israelischen Regierung vor, im Gazastreifen Menschen „abzuschlachten“ und einen Genozid zu begehen.
Applaus für den einen, Schweigen beim anderen
Roth hatte nach der Gala ausgerechnet den israelischen Regisseur für seine Apartheid-Aussage kritisiert. Nun schildert sie ihr damaliges Verhalten so: Bei Abrahams Rede habe sie geklatscht, bei Adras Rede nicht. Mit dem Begriff „Genozid“ für das Vorgehen der israelischen Armee habe sie damals gefremdelt.
Das Ergebnis sei ein Kreuzfeuer gewesen. Die einen hätten ihr Antisemitismus unterstellt, weil sie den Saal während der Rede des Palästinensers nicht verließ. Die anderen hätten sie als „Israel-gesteuert“ bezeichnet, weil sie dem Israeli applaudierte. Ihr heutiges Urteil fällt deutlich aus:
„Den Regisseur zu kritisieren dafür, dass er von Apartheid redet, oder den Palästinenser, dass er von Genozid redet, war ein Fehler!“
„Wann befreist du dich von dieser Schuld?“
Für noch mehr Aufsehen sorgt eine andere Passage. Roth erzählte, ausländische Freunde hätten sie gefragt, wann sie sich endlich von „dieser Schuld der Geschichte“ befreie und wann sie frei genug werde, anders damit umzugehen. Diese Freiheit habe sie bei der Berlinale 2024 nicht gehabt, so die Grünen-Politikerin.
Zugleich sprach sie von einem „unfassbaren Druck vom Zentralrat, aus so unglaublich vielen Kreisen“. Dieser Druck habe sich dagegen gerichtet, von einem Genozid im Gazastreifen zu sprechen. Außerdem werde der Antisemitismus-Begriff instrumentalisiert, indem man Kritik an Israel als judenfeindlich darstelle.
Ein bemerkenswerter Sinneswandel
Kritiker dürften sich die Augen reiben. Ausgerechnet die Frau, die als oberste Kulturverantwortliche des Bundes den Umgang mit Antisemitismus im Kulturbetrieb hätte prägen sollen, macht nun offenbar den Zentralrat der Juden für die Härte der Debatte mitverantwortlich. Beobachter sehen darin eine bequeme Umdeutung: Nicht mehr die eigenen Versäumnisse rund um die documenta stehen im Vordergrund, sondern angeblicher Druck von außen.
Der Genozid-Vorwurf gegen Israel ist international hoch umstritten. Die israelische Regierung weist ihn entschieden zurück. Auch in der deutschen Politik gilt das Existenzrecht Israels über Parteigrenzen hinweg als Teil der Staatsräson.
Aus dem Amt geschieden, jetzt freier im Wort?
Roth ist seit dem Regierungswechsel im Mai 2025 nicht mehr Kulturstaatsministerin. Ohne Amt scheint sie nun deutlich freier zu sprechen als zu der Zeit, in der sie Verantwortung trug. Bleibt die Frage, die viele Bürger umtreiben dürfte: Wenn sie damals anders dachte, als sie öffentlich handelte, welche Haltung galt dann eigentlich?
Eines zeigt das Gespräch jedenfalls deutlich. Die Debatte über Israel, Antisemitismus und deutsche Verantwortung ist längst nicht ausgestanden. Und mit ihrer Wortwahl dürfte Claudia Roth sie kaum entgiften.
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