
Russlands nuklearer Brückenkopf in der EU: Wie deutsche Technologie ein Moskauer Prestigeprojekt ermöglicht
Während die Bundesregierung nicht müde wird, die europäische Energieunabhängigkeit von Russland zu beschwören, vollzieht sich im Herzen der Europäischen Union ein bemerkenswertes Schauspiel der Widersprüche. Am 5. Februar 2026 wurde in Ungarn der erste Beton für das Atomkraftwerk Paks II gegossen – ein russisches Großprojekt, das mit deutscher Schlüsseltechnologie realisiert wird. Die Zeremonie, begleitet von Rosatom-Chef Alexej Lichatschow und IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi, markiert einen Moment, der die Brüchigkeit europäischer Sanktionspolitik schonungslos offenlegt.
Deutsche Hochtechnologie im Dienste Moskaus
Die Brisanz dieses Projekts für Deutschland kann kaum überschätzt werden. Siemens Energy liefert für Paks II sicherheitsrelevante Komponenten des nichtnuklearen Anlagenteils – Turbinen, Generatoren und Leittechnik. Diese Systeme sind keineswegs nebensächlich, sondern entscheiden maßgeblich darüber, wie stabil und sicher das Kraftwerk Strom produziert und ins Netz einspeist. Die nukleare Kerntechnik hingegen stammt vollständig vom russischen Staatskonzern Rosatom.
Wie konnte es zu dieser paradoxen Konstellation kommen? Die Antwort liegt in der Vergangenheit. Die ungarisch-russische Regierungsvereinbarung wurde bereits 2014 geschlossen, die zentralen Liefer- und Bauverträge folgten 2014 und 2015. Das war zu einer Zeit, als Siemens Energy noch Gasturbinen für die Nord Stream-Pipelines an Gazprom lieferte und niemand in Berlin ernsthaft an einen russischen Angriffskrieg in Europa dachte. Diese Verträge sind rechtlich bindend – und genau hier liegt das Dilemma.
Berlins Ohnmacht gegenüber Budapest und Moskau
Die Bundesregierung steht vor einem politischen Kontrollverlust, der symptomatisch für die Schwächen europäischer Außenpolitik ist. Solange Rosatom nicht von der EU sanktioniert wird und Ungarn das Projekt politisch absichert, verfügt Berlin nur über begrenzte Möglichkeiten, den Einsatz deutscher Technik nachträglich zu beeinflussen. Die maßgeblichen Genehmigungen stammen aus der Zeit vor dem Ukraine-Krieg, neue allgemeine Verbote existieren nicht.
Dass Eingriffe grundsätzlich möglich wären, zeigt der Fall des türkischen Atomkraftwerks Akkuyu. Dort verweigerten deutsche Behörden 2024 neue Exportgenehmigungen für bestimmte Siemens-Lieferungen, was zu massiven Verzögerungen führte. Rosatom warf Siemens Energy daraufhin Vertragsbruch vor und kündigte rechtliche Schritte an. Der entscheidende Unterschied: Die Türkei ist kein EU-Mitglied. Bei einem laufenden Großprojekt innerhalb der Union, mit bestehenden Genehmigungen und politischer Rückendeckung durch einen Mitgliedstaat, wäre ein vergleichbarer Eingriff rechtlich und politisch ungleich schwerer durchsetzbar.
Ungarns Energiestrategie als Standortvorteil
Für Ungarn ist Paks II weit mehr als ein Energieprojekt – es ist ein strategischer Trumpf im europäischen Wettbewerb. Das bestehende Atomkraftwerk Paks deckt bereits heute rund 45 Prozent der ungarischen Stromerzeugung. Die Folge: Haushalte zahlen in Ungarn laut Eurostat etwa zehn Cent pro Kilowattstunde – in Deutschland ist es fast viermal so viel. Mit zwei neuen Reaktoren à 1200 Megawatt soll der Atomanteil am ungarischen Strom auf bis zu 70 Prozent steigen.
Diese Preisdifferenz ist längst ein handfester Standortfaktor geworden. Unternehmen wie Bosch, Mercedes-Benz und MAN verlagern energieintensive Produktionsteile zunehmend nach Ungarn. Während Deutschland seinen Atomausstieg vollzogen hat und bei Dunkelflauten zunehmend Strom aus dem Ausland importieren muss, zementiert Ungarn seinen Wettbewerbsvorteil mit russischer Hilfe. Selbst Serbien hat öffentlich Interesse an einer Beteiligung signalisiert.
Warum Rosatom in der EU unangreifbar bleibt
Dass der russische Staatskonzern bis heute nicht auf der EU-Sanktionsliste steht, ist kein Versehen, sondern politisches Kalkül. Ungarn blockiert entsprechende Vorstöße seit Kriegsbeginn offen auf EU-Ebene. Doch auch andere Mitgliedstaaten haben wenig Interesse an einem Bruch mit Russland im Bereich der Kernenergie. Frankreich, Europas größter Atomstromproduzent, verweist intern auf die Folgen eines Sanktionsregimes gegen russische Kerntechnik. Die Abhängigkeit europäischer Reaktoren von russischem Brennstoff und Know-how ist schlicht zu groß.
Rosatom baut derzeit nach eigenen Angaben mehr als 40 Reaktoren in elf Ländern und hält rund 17 Prozent des Weltmarkts für nuklearen Brennstoff. Innerhalb der EU sind zahlreiche Reaktoren auf russische Technologie, Wartung oder Brennstofflieferungen angewiesen. Diese Abhängigkeiten erklären, warum der Baustart von Paks II mehr ist als ein ungarisches Sonderprojekt – er offenbart die Grenzen europäischer Handlungsfähigkeit in der Energiepolitik.
Ein Lehrstück deutscher Energiepolitik
Der Fall Paks II ist ein Lehrstück über die Konsequenzen ideologiegetriebener Energiepolitik. Während Deutschland seine Kernkraftwerke abschaltete und sich in eine fatale Abhängigkeit von russischem Gas begab, sicherte sich Ungarn langfristig günstige Energieversorgung – ausgerechnet mit russischer Nukleartechnologie und deutscher Ingenieurskunst. Die Ironie könnte kaum größer sein: Deutsche Hochtechnologie ermöglicht ein russisches Prestigeprojekt in der EU, während deutsche Verbraucher die höchsten Strompreise Europas zahlen.
Siemens Energy und das Bundeswirtschaftsministerium wurden um Stellungnahmen zur Rolle deutscher Technik und zu den politischen Handlungsspielräumen gebeten. Antworten liegen bislang nicht vor. Das Schweigen spricht Bände über die Verlegenheit, in der sich Berlin befindet. Man hat sich in eine Situation manövriert, in der man weder vor noch zurück kann – gefangen zwischen rechtlichen Verpflichtungen, politischen Realitäten und dem eigenen moralischen Anspruch.

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