
Showdown vor Gericht: Kippt jetzt Londons mächtiger Gold-Wächter?

Ab Mittwoch steht in London die Organisation vor Gericht, die die Regeln für den größten Goldmarkt der Welt schreibt. Die Familien zweier junger Männer verklagen die London Bullion Market Association (LBMA). Beide starben 2019 an einer Goldmine in Tansania. Verliert der Verband, könnte ihn das Urteil nach Darstellung von Insidern in die Pleite treiben.
Ein kleiner Verband wacht über eine Billion Dollar pro Woche
Das Verhältnis wirkt fast absurd. Über den Londoner Goldhandel laufen Woche für Woche rund eine Billion US-Dollar. Die LBMA, die diesen Markt maßgeblich ordnet, verfügte laut ihren jüngsten Abschlüssen Ende 2025 aber nur über Reserven von etwa 1,4 Millionen Pfund.
Allein die Prozesskosten der Gegenseite könnten nach eigenen Angaben des Verbands bei einer Niederlage rund 3 Millionen Pfund betragen. Mögliche Schadenersatzzahlungen kämen noch dazu. Zu den Mitgliedern gehören zwar einige der größten Banken der Welt. Keine von ihnen ist aber verpflichtet, im Ernstfall einzuspringen.
Medienberichten zufolge wird intern deshalb schon über einen Plan B gesprochen: Eine Nachfolgeorganisation könnte die wichtigsten Aufgaben übernehmen. Konkrete Schritte gebe es aber noch nicht.
Worum es in dem Prozess geht
Die Kläger werfen der Polizei Folgendes vor: Ein 23-Jähriger sei im Juli 2019 erschossen worden, nachdem Beamte eine Gruppe von Kleinschürfern vom Gelände der North-Mara-Mine vertrieben hätten. Ein weiterer 23-Jähriger sei im Dezember desselben Jahres auf der Flucht von hinten getroffen worden.
Mehrheitseigner der Mine ist Barrick Mining. Der Konzern wollte sich nicht äußern. Früher hatte er erklärt, er sei stolz auf seine Menschenrechtsbilanz und steuere die tansanische Polizei nicht. Die Polizei reagierte auf Anfragen nicht. Ein früheres Verfahren in Großbritannien um die Mine wurde 2015 beigelegt, ohne dass jemand Schuld einräumte.
Die Kette bis zur Raffinerie
Warum aber sitzt ausgerechnet die LBMA auf der Anklagebank? Ein Teil des Goldes aus North Mara ging an MMTC-PAMP India. Diese Raffinerie steht auf der sogenannten Good Delivery List des Verbands. Laut der Kanzlei der Kläger hätte die LBMA die Raffinerie von der Liste nehmen oder ihr damit drohen müssen. Seit 2014 hatte die Organisation RAID schwere Vorwürfe gegen Sicherheitskräfte an der Mine veröffentlicht. MMTC-PAMP erklärt, man halte sich streng an die Regeln und werde jedes Jahr unabhängig geprüft.
Eine Tradition, die bis ins Jahr 1750 zurückreicht
Die Good Delivery List ist so etwas wie das Gütesiegel des Weltgoldmarkts. Die Bank of England führte sie 1750 ein. Sie sollte sicherstellen, dass Barren aus aller Welt die gleiche Reinheit haben. Seit ihrer Gründung 1987 verwaltet die LBMA die Liste. Auch Börsen wie die amerikanische CME verlassen sich darauf.
Der Verband hält die Klage für unbegründet. Man trage keine rechtliche Verantwortung für die tragischen Todesfälle, erklärte die LBMA. Die Klage verkenne ihre Rolle in der Lieferkette. Verantwortlich seien die Täter. Der Verband zertifiziere keine Minen, habe kein Personal in Tansania und könne Polizisten nicht kontrollieren.
Gefährliche Folgen: Wer haftet am Ende für alles?
Hier steckt der Kern des Falls. Könnte ein privater Verband für jede Tat haften, die irgendwo auf der Welt an einer Mine geschieht, würde wohl niemand mehr Standards setzen wollen. Insider warnen: Das Good-Delivery-System würde unbrauchbar. Die LBMA müsste sich womöglich ganz aus der Kontrolle der Herkunft zurückziehen. Auch die London Metal Exchange könnte mit ähnlichen Klagen rechnen.
Bemerkenswert ist eine Stimme aus dem Lager der Nichtregierungsorganisationen. Joanne Lebert von der kanadischen Organisation IMPACT warnt, ein Ersatz für die LBMA löse das Problem nicht unbedingt:
„I think it might actually set us back.“ („Ich glaube, es könnte uns tatsächlich zurückwerfen.“)
RAID fordert dagegen offen Gesetze für den Fall, dass solche Siegel nicht haftbar gemacht werden können. Aus Sicht unserer Redaktion zeigt sich hier ein bekanntes Muster: Am Ende rufen viele nach dem Staat und nach noch mehr Bürokratie. Es ist das Prinzip des EU-Lieferkettengesetzes, nur im Weltmaßstab.
Fazit: Physisches Gold bleibt Gold
Die meisten Branchenkenner rechnen damit, dass die LBMA gewinnt. Der Fall zeigt aber, wie stark der Handel mit Papiergold von Institutionen, Listen und Zertifikaten abhängt. Wer Barren oder Münzen selbst besitzt, ist von solchen Machtkämpfen kaum betroffen. Physische Edelmetalle können deshalb eine sinnvolle Beimischung in einem breit gestreuten Vermögen sein.
Hinweis: Dieser Beitrag ist keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung. Er gibt unsere Meinung und die uns vorliegenden Informationen wieder. Bitte informieren Sie sich selbst, bevor Sie Geld anlegen. Für Ihre Entscheidungen sind Sie selbst verantwortlich.
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