
Theaterintendant droht mit Rücktritt bei AfD-Sieg – die ganz große Bühne der Selbstüberschätzung
Es ist eine Inszenierung, wie sie nur ein Mann vom Theater hinbekommt: Wenige Tage vor der Stichwahl um das Landratsamt im thüringischen Saalfeld-Rudolstadt greift der Rudolstädter Theaterintendant Steffen Mensching zum größten Geschütz, das ihm zur Verfügung steht – seinem eigenen Posten. Sollte der AfD-Kandidat Thomas Benninghaus am kommenden Sonntag die Wahl gewinnen, so der Intendant, werde er sein Amt niederlegen. Eine Drohung? Oder doch eher ein Versprechen, das so mancher Wähler im Landkreis mit klammheimlicher Freude vernommen haben dürfte?
Wenn das Ergebnis nicht passt, nimmt man eben den Hut
Mensching ließ gegenüber dem MDR keinen Zweifel an seiner Geisteshaltung. „Die AfD will ein anderes Land", erklärte er, und für ihn existiere da eine „Brandmauer". Mit „diesen Leuten" wolle er nicht zusammenarbeiten. Bemerkenswert ehrlich räumte der Intendant gar ein, es handele sich auch um eine „Provokation" – Entweder-oder, basta. Und dann der wohl entlarvendste Satz dieser ganzen Vorstellung, gerichtet direkt an die Wähler: „Liebe Leute, überlegt euch, was ihr wählt. Ihr entscheidet hier nicht nur über einen Landrat."
Man halte sich diesen Vorgang vor Augen: Ein öffentlich alimentierter Kulturschaffender erhebt sich zum moralischen Schiedsrichter über eine freie, demokratische Wahl. Wer das „falsche" Kreuzchen setzt, dem wird mit dem Abgang des Herrn Intendanten gedroht – als wäre dies eine Strafe und kein Gefallen.
Der Aufhänger: Worte zur Erinnerungskultur
Auslöser für Menschings große Geste sind Äußerungen Benninghaus' im Thüringer Landtag. Der AfD-Abgeordnete hatte im Dezember 2025 über einen Antrag zur Sanierung von Kriegsgräbern sowie Krieger- und Vertriebenendenkmälern gesprochen und dabei kritisiert, dass traditionelle Gedenkstätten dem Vergessen preisgegeben würden, während anderswo „goldene Steine" in Gehwege eingelassen werden. Für Mensching ist das nicht weniger als eine „ganz klare Verharmlosung des Holocaust".
Man darf an dieser Stelle durchaus die Frage stellen, die sich aufdrängt: Seit wann ist der Wunsch, deutsche Kriegsgräber und Vertriebenendenkmäler nicht verfallen zu lassen, ein Skandal? Wer Gefallene zweier Weltkriege würdig bestattet sehen möchte, betreibt keine Geschichtsklitterung, sondern schlicht eine Pietät, die früher selbstverständlich war. Dass man heute schon mit dem Holocaust-Vorwurf konfrontiert wird, sobald man auch deutscher Opfer gedenken möchte, sagt mehr über den Zustand unserer Debattenkultur aus als über den Kandidaten der AfD.
Es geht um mehr als Prinzipien – nämlich um Macht und Geld
Doch hinter der moralischen Fassade verbirgt sich ein ganz handfestes Motiv. Mensching selbst verweist auf die Trägerstruktur seines Hauses. Die Thüringer Landestheater Rudolstadt GmbH wird von einem Zweckverband getragen, dem der Landkreis und die Städte Rudolstadt und Saalfeld angehören. Dessen Vorsitzender ist derzeit – Überraschung – der amtierende Landrat Marko Wolfram von der SPD, Benninghaus' Gegenkandidat.
„Da hat der Landrat 50 Prozent der Stimmen. Das ist also schon eine Menge", räumte Mensching freimütig ein. Auch der Aufsichtsrat sei entscheidend: „Der Spielplan muss vom Aufsichtsrat bestätigt werden."
Mit anderen Worten: Hier kämpft ein Mann nicht allein um Prinzipien, sondern um die gewohnte Konstellation, in der ihm wohlgesonnene Genossen das Sagen haben. Bezeichnend ist sein Klagelied, das Theater sei „in den vergangenen Jahren schon beobachtet" worden – gemeint sind parlamentarische Anfragen der AfD-Fraktion zum Spielplan. Dass demokratisch gewählte Abgeordnete kontrollieren, wofür Steuergeld ausgegeben wird, empfindet der Intendant offenbar als Zumutung. Eine bemerkenswerte Auffassung von öffentlicher Rechenschaftspflicht.
Ein öffentlich finanzierter Apparat – und seine Empörung
Vergessen wir nicht: Das Theater Rudolstadt wird vollständig aus öffentlichen Mitteln finanziert, getragen vom Freistaat Thüringen und den Kommunen. Eine Finanzierungsvereinbarung sichert das Haus bis 2032 ab, Menschings eigener Vertrag wurde erst 2024 bis Juli 2029 verlängert. Es ist also das Geld der Bürger – auch jener Bürger, die womöglich AfD wählen –, das diesen Betrieb am Laufen hält.
Pikant ist die Kritik aus den eigenen Reihen des etablierten Lagers: Der frühere CDU-Landrat Werner Thomas warf Mensching vor, er „kneife" und verhalte sich „unredlich". Selten genug, dass von dieser Seite ein klares Wort kommt – hier traf es einmal den Richtigen.
Das alte Spiel der vermeintlichen Demokratieretter
Was sich in Saalfeld-Rudolstadt abspielt, ist symptomatisch für ein Land, in dem Teile des öffentlich-rechtlich alimentierten Kulturbetriebs sich als letzte Bastion gegen den Wählerwillen verstehen. Statt mit Argumenten zu überzeugen, wird mit dem eigenen Rücktritt gedroht – als ob die Drohung, einen womöglich entbehrlichen Posten zu räumen, die Menschen umstimmen würde. Die Kommentarspalten sprechen eine deutliche Sprache: Viele Bürger empfinden eine solche Ankündigung nicht als Schreckensszenario, sondern als willkommene Aussicht.
Demokratie bedeutet, Wahlergebnisse zu akzeptieren – auch die unbequemen. Wer das nicht kann und stattdessen die Wähler unter moralischen Druck setzt, der hat das Wesen jener Demokratie, die er angeblich verteidigt, gründlich missverstanden. Am Sonntag entscheiden die Bürger von Saalfeld-Rudolstadt. Und sie entscheiden, wie Mensching ungewollt richtig bemerkte, eben nicht nur über einen Landrat – sondern auch über die Frage, ob man sich solche Inszenierungen noch länger bieten lässt.

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