
Bayerischer Traditionskonzern am Abgrund: Pharma-Hersteller mit 177 Jahren Geschichte meldet Insolvenz an

Es ist das Ende einer Ära – zumindest vorläufig. Die R-Pharm Germany GmbH, ein Arzneimittelhersteller mit Sitz im bayerischen Illertissen und einer Geschichte, die bis ins Jahr 1849 zurückreicht, hat beim Amtsgericht Neu-Ulm ein vorläufiges Insolvenzverfahren beantragt. Rund 300 Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft, nachdem sie in den ersten Monaten des Jahres 2026 kein Gehalt mehr erhalten haben.
Sanktionen als Sargnagel für den Traditionsbetrieb
Die Ursachen der Insolvenz liegen nicht etwa in mangelhafter Produktqualität oder fehlender Nachfrage. Das Unternehmen, das Arznei- und Nahrungsergänzungsmittel für Kunden in rund 150 Ländern entwickelt, produziert und vertreibt, genießt in der Branche nach wie vor einen ausgezeichneten Ruf. Das Problem ist ein anderes: Seit 2014 gehört der einstige Traditionsbetrieb zum russischen Pharma-Konsortium R-Pharm. Und genau diese Eigentümerstruktur wurde dem Unternehmen zum Verhängnis.
Infolge der internationalen Russland-Sanktionen, die im Zuge des Ukraine-Krieges verhängt wurden, sei es zunehmend zu Unsicherheiten bei Kunden und Geschäftspartnern gekommen, erklärte der vorläufige Insolvenzverwalter Markus Fröhlich. Geldtransfers aus Russland seien nahezu unmöglich geworden. Die Folge: Der russische Eigentümer konnte – oder wollte – seine deutschen Mitarbeiter schlicht nicht mehr bezahlen.
300 Mitarbeiter seit Monaten ohne Lohn
Torsten Falke, Bezirksleiter der Branchengewerkschaft IGBCE, bestätigte die massiven sanktionsbedingten Einschränkungen. Was das konkret für die Belegschaft bedeutet, ist dramatisch: Seit Jahresbeginn 2026 haben die rund 300 Beschäftigten keinen Cent gesehen. Für Familien, die auf ihr monatliches Einkommen angewiesen sind, eine existenzbedrohende Situation. Hier zeigt sich einmal mehr, welche Kollateralschäden geopolitische Konflikte und die daraus resultierenden Sanktionsregime in der realen Arbeitswelt anrichten können – weit entfernt von den Schreibtischen der Diplomaten und Politiker.
Ein Betrieb mit bewegter Vergangenheit
Die Geschichte des Unternehmens liest sich wie ein Lehrstück über die Globalisierung der Pharmaindustrie. 1849 unter dem Namen Mack in Ulm gegründet, zog die Heinrich Mack GmbH elf Jahre später nach Illertissen um. 1971 übernahm der amerikanische Pharmariese Pfizer den Betrieb. Doch 2014 gaben die Amerikaner das Unternehmen an das russische Konsortium R-Pharm weiter – eine Entscheidung, deren Konsequenzen damals wohl niemand absehen konnte. Was einst als Internationalisierung gefeiert wurde, entpuppt sich nun als strategische Sackgasse.
Gibt es noch Hoffnung für Illertissen?
Trotz der düsteren Ausgangslage gibt sich der vorläufige Insolvenzverwalter vorsichtig optimistisch. Das Unternehmen verfüge über hochmoderne Produktionsanlagen, ein qualifiziertes Team und einen internationalen Kundenstamm. Der Betrieb am Standort laufe eingeschränkt weiter. Fröhlich betonte jedoch unmissverständlich: Eine tragfähige Zukunftslösung werde nur mit einem neuen Investor möglich sein. Ein strukturierter Investorenprozess über ein spezialisiertes M&A-Beratungsunternehmen sei bereits eingeleitet worden, und erste Interessenten hätten sich gemeldet.
Ob der 177 Jahre alte Betrieb tatsächlich gerettet werden kann, steht in den Sternen. Klar ist: Die 300 Mitarbeiter in Illertissen verdienen eine Perspektive. Und der Fall zeigt exemplarisch, wie verwundbar deutsche Unternehmen werden können, wenn sie in die Abhängigkeit ausländischer Eigentümer geraten – insbesondere dann, wenn geopolitische Verwerfungen die Spielregeln über Nacht verändern.
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