
Kims Menschen-Export: Wie Moskau und Peking die UN vorführen

Bis zu 100.000 Nordkoreaner schuften weltweit für das Regime in Pjöngjang, fast alle in China und Russland. Das geht aus einem Bericht hervor, den das Multilateral Sanctions Monitoring Team (MSMT) am 16. September 2026 vorgelegt hat. Für Kim Jong-un bringt das System demnach Hunderte Millionen Dollar ein, und zwei Vetomächte des UN-Sicherheitsrats verdienen mit.
Sanktionen nur auf dem Papier
Eigentlich ist die Rechtslage eindeutig. Mit den Resolutionen 2375 und 2397 verbot der UN-Sicherheitsrat im Jahr 2017, dass Nordkoreaner im Ausland Geld verdienen. Bis 2019 hätten alle Mitgliedstaaten die Arbeiter heimschicken müssen. So wollte man Pjöngjang die Devisen für Atombomben und Raketen abschneiden.
Die Wirklichkeit sieht anders aus. Laut Bericht setzen mindestens 17 Länder weiter nordkoreanische Arbeitskräfte ein, insgesamt zwischen 35.600 und 101.280 Menschen. In China sollen es 20.000 bis 70.000 sein, in Russland 15.000 bis 30.000. Nach Angaben der beteiligten Regierungen kamen zwischen Januar 2025 und Januar 2026 allein in China rund 10.000 neue Arbeiter an.
Pikant ist die Vorgeschichte. Das MSMT gibt es nur, weil Russland im März 2024 per Veto das UN-Expertengremium zur Nordkorea-Überwachung beendet hat. Seit Oktober 2024 übernehmen elf Staaten die Kontrolle in Eigenregie, darunter Deutschland, die USA, Japan und Südkorea. Moskau hat den Aufpasser abgeschafft und nutzt genau das Geschäft, das er aufdecken sollte.
18-Stunden-Tage, 99 Prozent Abzug
Die im Bericht beschriebenen Arbeitsbedingungen sind drastisch. Die Arbeiter sollen 12 bis 18 Stunden am Tag arbeiten, an sechs oder sieben Tagen pro Woche. In Russland liege der nominelle Jahreslohn bei etwa 7.500 US-Dollar. Davon kassiere der nordkoreanische Staat 80 bis 90 Prozent. In einem dokumentierten russischen Fall sollen es sogar 99 Prozent gewesen sein.
Auch die Vermittler halten die Hand auf. Einer von ihnen soll 20.000 Rubel für Auswahl und Betreuung verlangt haben, dazu monatlich 3.500 Rubel und 8,7 Prozent des ausgezahlten Lohns. Laut Bericht behalten die Vermittler zunächst sogar die Bankkarten der Arbeiter ein. Wer Geld an die Familie in der Heimat überweist, muss demnach bis zu 30 Prozent an den Staat abgeben.
Loyalität geht vor Können
Ausgewählt werde nicht nur nach Fachkenntnis. Geprüft würden auch ideologische Linientreue, familiärer Hintergrund, Gesundheit und mitunter Vorstrafen. Staatliche Firmen wie die Pyongyang Rungra Construction Company schlagen Kandidaten vor, das Regime genehmigt sie, das Außenministerium besorgt die Visa. Im Ausland leben die Arbeiter dem Bericht zufolge in Kasernen, frei bewegen dürfen sie sich nicht.
Getarnt als „Studenten“, eingesetzt für den Krieg
Russland greift dabei zu einem Trick. Eine Regelung erlaubt Studenten und Praktikanten einen Nebenverdienst. 2024 stellte Moskau Nordkoreanern 8.167 Studentenvisa aus, ein Jahr später waren es 35.839. Mehr als 98 Prozent aller Visa für Nordkoreaner liefen laut Bericht unter „Studium“. Ernsthaft studieren dürfte davon kaum jemand.
Besonders heikel ist der Einsatz in der Rüstungsindustrie. Medienberichten zufolge liegt die Serienfertigung von Drohnen für den Ukrainekrieg vielerorts in nordkoreanischen Händen. Als wichtiger Standort gilt die Sonderwirtschaftszone Alabuga in Tatarstan, wo russische Versionen der iranischen „Shahed“-Drohnen entstehen sollen. Bezahlt wird mit Geld, das am Ende wieder in Kims Atomprogramm fließen kann.
Warum Arbeiter trotzdem gehen wollen
Das Absurde daran: Viele Nordkoreaner zahlen dem Bericht zufolge sogar Bestechungsgeld, um ausreisen zu dürfen. Selbst der kleine Rest in harter Währung sei oft mehr als der Verdienst zu Hause. Dazu komme ein gewisses Ansehen, manchmal aber auch schlicht falsche Versprechen.
Für Pjöngjang hat sich das gelohnt. Laut MSMT brachte der Menschen-Export 2025 zwischen 450 und 800 Millionen US-Dollar ein. Die elf Staaten fordern deshalb, das UN-Expertengremium wieder einzusetzen. Solange Moskau und Peking im Sicherheitsrat ein Vetorecht haben, dürfte das allerdings aussichtslos bleiben. Für Europa zeigt der Fall vor allem eines: Auf internationale Regeln kann man sich nicht verlassen, wenn ausgerechnet ihre Hüter sie brechen.
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