
Kohle-Comeback gegen Strompreis-Schock: Berlin prüft die Reserve

Berlin macht eine Kehrtwende – zumindest gedanklich. Das Bundeswirtschaftsministerium prüft nach Medienberichten, ob Kohlekraftwerke aus der Netzreserve künftig häufiger regulär Strom liefern dürfen. Auslöser ist ein Vorstoß von Unionsfraktionsvize Sepp Müller, der angesichts explodierender Gas- und Strompreise die alten Blöcke wieder ans Netz holen will.
Der Preis, der alles ins Rollen brachte
Die Zahlen sind unbequem. Im zweiten Quartal 2026 kostete Strom im deutschen Day-Ahead-Handel im Schnitt 95,21 Euro je Megawattstunde – ein Jahr zuvor waren es 69,73 Euro. Das ist ein Aufschlag von rund 36 Prozent binnen zwölf Monaten.
Parallel lagen die Gas-Großhandelspreise etwa ein Viertel über dem Vorjahresniveau. Und trotzdem stieg die Stromerzeugung aus Erdgas. Wer teures Gas verstromt, während günstigere Kapazitäten stillstehen, muss sich Fragen gefallen lassen.
Müllers Rechnung ist simpel: Laufen die Kohleblöcke, wird weniger Gas verfeuert. Das entlastet Industrie, Heizkunden – und den Aufbau der Gasspeicher. Bis genügend neue steuerbare Kraftwerke stehen, etwa 2030 oder 2031, sollen die Anlagen nach seinem Vorschlag dauerhaft am Markt bleiben.
Wofür die Reserve eigentlich da ist
Nur: Die Netzreserve ist kein Billigstrom-Depot. Übertragungsnetzbetreiber rufen sie ab, wenn Engpässe die Netzstabilität gefährden – als letzte Rückversicherung gegen den Blackout.
Wie angespannt die Lage ist, zeigt die Bedarfsfeststellung der Bundesnetzagentur: Für den Winter 2026/27 werden 7.407 Megawatt Reserveleistung gebraucht. Deutsche Anlagen decken davon 4.742 Megawatt, weitere 2.665 Megawatt müssen aus dem Ausland kommen. Im Winter zuvor lag der Bedarf noch bei 6.493 Megawatt – ein Plus von rund 14 Prozent. Für 2028/29 erwartet die Behörde laut den veröffentlichten Zahlen bereits 8.274 Megawatt.
Übersetzt: Das Land braucht immer mehr Notfallabsicherung, weil der Netzausbau der Energiewende hinterherhinkt.
Teuer ist die Reserve längst
Billig ist dieses Sicherheitsnetz nicht. Allein im ersten Quartal 2026 kosteten Vorhaltung und Einsatz der Reservekraftwerke rund 430 Millionen Euro – etwa 21 Prozent mehr als im Vorjahresquartal. Bezahlt wird das über die Netzentgelte, also von jedem Haushalt und jedem Betrieb.
Ob ein Dauerbetrieb der Kohleblöcke die Börsenpreise wirklich drückt, ist offen. Viele Anlagen sind alt und haben magere Wirkungsgrade; im Marktbetrieb kämen Brennstoff- und CO₂-Kosten obendrauf. Medienberichten zufolge warnt der Chef der Strombörse EEX zudem vor einer verzerrenden Wirkung im Strommarkt und einem Vertrauensverlust bei Investoren.
Die Lücke zwischen Ausstieg und Ersatz
Das Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz soll Abhilfe schaffen: Im September und Dezember 2026 sollen zusammen rund zehn Gigawatt Langzeitkapazität ausgeschrieben werden, weitere zwei Gigawatt im Mai 2027. Liefern sollen die neuen Kraftwerke aber erst Anfang der 2030er Jahre.
Bundeskanzler Friedrich Merz hält am gesetzlichen Kohleausstieg spätestens 2038 fest. Bleibt die Frage, wer die Jahre dazwischen überbrückt. Aus Sicht unserer Redaktion offenbart die Debatte vor allem eines: Eine Energiepolitik, die zuerst abschaltet und erst danach nach Ersatz sucht, produziert Preise, die Bürger und Mittelstand ausbluten lassen.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Er stellt keine Anlageberatung dar. Anlageentscheidungen – auch in physische Edelmetalle, die sich als Beimischung zur Vermögenssicherung eignen können – trifft jeder Leser eigenverantwortlich nach eigener Recherche.

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