
Kriegsromantik im ZDF: Wie Markus Lanz die Militarisierung Deutschlands zum Wohlfühl-Thema macht
Während echte Kriege toben und echte Menschen sterben, gönnt sich das ZDF eine ganze Themenwoche zur deutschen „Kriegstüchtigkeit". Was bei Markus Lanz dabei herauskommt, ist ein verstörendes Potpourri aus Kasernenschwärmerei, sicherheitspolitischem Säbelrasseln und einer erschreckenden Realitätsferne, die man selbst dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk kaum zugetraut hätte.
Skatrunden statt Schützengräben
Die Redaktion von Markus Lanz hat sich nichts Geringeres vorgenommen, als die Verteidigungsbereitschaft der Deutschen in drei Abenden abzuhandeln. Am Dienstag Veteranen, am Mittwoch junge Männer als potentielles Kanonenfutter künftiger Konflikte, am Donnerstag dann Politiker und Experten. Ein mediales Manöver, das in seiner Inszenierung fast schon an eine Bundeswehr-Werbekampagne erinnert – nur ohne den Mut, die hässliche Wahrheit konsequent auszusprechen.
Besonders grotesk geriet der Auftritt von CDU-Politiker und Oberst a.D. Roderich Kiesewetter. Lanz stellte ihn beinahe liebevoll als jenen Mann vor, der in der deutschen Politik wie kaum ein anderer als „Kriegstreiber" bezeichnet werde. Was folgte, war eine Reise in die Vergangenheit: Ein Foto des jungen Kiesewetter in Uniform, Geschichten von Grundwehrdienstleistenden, Erinnerungen an Kameradschaftsabende. Man hätte meinen können, der Kalte Krieg sei ein einziges Pfadfinderlager gewesen. Dass der Warschauer Pakt angesichts solcher Wehrhaftigkeit nicht schon in den 1980er Jahren kapituliert hat, bleibt eines der großen Rätsel der Militärgeschichte.
Die brutale Wahrheit zwischen den Zeilen
Den einzigen Moment echter Erschütterung lieferte ausgerechnet Jan van Aken, Chef der Linkspartei und ehemaliger UN-Biowaffeninspekteur. „Da spritzt das Blut, die Menschen sind tot, das Gehirn fliegt weg" – mit diesen Worten durchbrach er die sterile Studioatmosphäre und konfrontierte die Runde mit dem, was Krieg tatsächlich bedeutet. Keine Skatrunden. Keine Pokale in der Vitrine. Sondern Tod, Verstümmelung und lebenslange Traumata.
Der Soziologe Harald Welzer verglich derweil den Plan von Bundeskanzler Friedrich Merz, die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee Europas zu machen, mit einem Donald-Duck-Cartoon: Der Enterich beschließt Skifahren zu lernen und räumt vorsorglich schon einmal den Vitrinenschrank für die künftigen Pokale leer. Ein Bild, das treffender kaum sein könnte für eine Debatte, die chronisch den zweiten Schritt vor dem ersten macht.
Ein Staat, der seine Soldaten im Regen stehen lässt
Besonders entlarvend war ein Einspieler über den Oberleutnant Marc Hinzmann, der in Afghanistan unter chaotischen Bedingungen Evakuierungen organisieren musste – ohne klare Vorgaben, ohne Fluglisten, mit den Taliban im Nacken. Dass sich Hinzmann anschließend vor einem Untersuchungsausschuss rechtfertigen musste, ist nicht nur denkbar schlechte Werbung für den Dienst am Vaterland. Es ist ein Skandal, der exemplarisch für das Versagen eines Staates steht, der seine jungen Menschen in Krisengebiete schickt und sie danach juristisch und psychologisch allein lässt.
Ein weiterer Veteran, der Ex-Hauptfeldwebel Andreas Rückewoldt, berichtete von den psychischen Verwüstungen seiner Einsätze in Bosnien und im Kosovo. „Mein Sohn hat mich teilweise in einem sehr desolaten Zustand gefunden", so der gebrochene Mann. Kiesewetter versuchte, dies als „unbarmherzige Wirklichkeit des Krieges" einzuordnen – und forderte im selben Atemzug, Jugendoffizieren den Zugang zu Schulen zu ermöglichen. Die Vorstellung, Militärs würden dort lediglich über die Schrecken des Krieges aufklären, ohne gleichzeitig für den Dienst zu werben, dürfte selbst unter wohlwollenden Beobachtern als naiv gelten.
Die Generation der Verweigerer
Aufschlussreich war auch die Konfrontation mit der Haltung junger Männer. Der Podcaster Ole Nymoen brachte das Dilemma einer Generation auf den Punkt, die sich nicht als handelndes Subjekt, sondern als Verfügungsmasse des Staates begreift. Er könne sagen, er würde lieber kapitulieren oder fliehen – und dann schicke der Staat die Feldjäger los. Politikwissenschaftlerin Claudia Major vom German Marshall Fund erkannte darin eine problematische „Service-Mentalität": Rechte einfordern, aber keine Pflichten übernehmen wollen. Sie verwies auf junge Menschen in Polen und im Baltikum, die eine deutlich größere Bereitschaft zeigten, ihr Land zu verteidigen.
Hier liegt freilich ein Kern des Problems, den die Sendung nur streifte, ohne ihn wirklich zu durchdringen. Jahrzehntelang hat die deutsche Politik – und insbesondere die rot-grüne Ära – alles dafür getan, jeglichen Patriotismus und jedes Pflichtbewusstsein gegenüber dem eigenen Land systematisch zu dekonstruieren. Wer Generationen lang einredet, dass Nationalstolz etwas Verwerfliches sei und Wehrdienst ein Relikt vergangener Zeiten, darf sich nicht wundern, wenn die Jugend im Ernstfall die Koffer packt statt die Waffe. Die Zahlen sprechen Bände: Zwei Drittel der Bevölkerung befürworten zwar einen Wehrdienst, doch nur ein Drittel würde das Land tatsächlich mit der Waffe verteidigen. Eine Diskrepanz, die das ganze Ausmaß der gesellschaftlichen Erosion offenbart.
Der Elefant im Raum
Die vielleicht größte Ironie des Abends lag jedoch in dem, was nicht gesagt wurde. Während man im Studio ausgiebig über Wehrhaftigkeit und Kriegstüchtigkeit philosophierte, wurde der aktuelle Iran-Krieg, der zum Zeitpunkt der Sendung die Nachrichtenlage dominierte, mit keinem einzigen Wort erwähnt. Man bereitet sich theoretisch auf das Schlimmste vor – und ignoriert dabei konsequent die reale Eskalation, die sich vor aller Augen abspielt. Ob dies journalistischer Fahrlässigkeit geschuldet ist oder einem bewussten Kalkül, sei dahingestellt. Das Ergebnis bleibt dasselbe: eine Debatte, die im luftleeren Raum schwebt.
Bundeskanzler Friedrich Merz hat große Pläne für die Bundeswehr. Das 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen für Infrastruktur, das die neue Große Koalition auf den Weg gebracht hat, wird Generationen mit Schulden belasten. Ob davon genug bei der Truppe ankommt, um aus der maroden Bundeswehr tatsächlich die stärkste konventionelle Armee Europas zu formen, darf bezweifelt werden. Die Geschichte lehrt, dass Deutschland in der Vergangenheit stets dann am verwundbarsten war, wenn die Kluft zwischen politischer Rhetorik und militärischer Realität am größten war. Und diese Kluft, das hat der Abend bei Markus Lanz eindrucksvoll gezeigt, ist derzeit gewaltig.
„Am Ende sei der Krieg immer anders, als man ihn sich in der Theorie vorstellt", warnte Harald Welzer. Eine Erkenntnis, die so alt ist wie der Krieg selbst – und die in deutschen Talkshows offenbar immer wieder aufs Neue entdeckt werden muss.
Was bleibt, ist das Bild einer Gesellschaft, die zwischen Kasernenschwärmerei und Kriegsangst taumelt, zwischen dem Wunsch nach Sicherheit und der Weigerung, den Preis dafür zu zahlen. Eine Gesellschaft, die jahrzehntelang ihre Verteidigung an andere delegiert hat und nun erschrocken feststellt, dass die Welt nicht so friedlich ist, wie man es sich in den Seminarräumen der Friedensforschung ausgemalt hatte. Die Frage ist nicht, ob Deutschland kriegstüchtig werden muss. Die Frage ist, ob ein Land, das seine eigenen Werte und Traditionen so gründlich demontiert hat, überhaupt noch weiß, wofür es kämpfen sollte.

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