
Tegut am Ende: Schweizer Mutterkonzern opfert deutsche Supermarktkette – 7.400 Mitarbeiter bangen

Es ist ein Paukenschlag im deutschen Lebensmitteleinzelhandel, der einmal mehr die brutale Realität des hiesigen Wirtschaftsstandorts offenlegt: Die Supermarktkette Tegut wird komplett aus Deutschland verschwinden. Die Entscheidung fiel nicht etwa in Fulda, wo das Unternehmen seinen Sitz hat, sondern – wie könnte es anders sein – in der Schweizer Konzernzentrale des Mutterkonzerns Migros in Zürich. Rund 7.400 Mitarbeiter wurden über das bittere Ende informiert. Die Marke Tegut soll nicht weitergeführt werden.
Zürich zieht die Reißleine – Deutschland verliert wieder
Seit 2012 gehört Tegut dem Schweizer Einzelhandelsriesen Migros. Was einst als vielversprechende Expansion auf den deutschen Markt gedacht war, entpuppte sich als finanzielles Desaster. Trotz massiver Kosteneinsparungen im vergangenen Jahr, die die Verluste immerhin mehr als halbiert hätten, habe sich das Marktumfeld weiter verschärft, so die nüchterne Erklärung aus Zürich. Die Umsätze seien weiter zurückgegangen. Eine interne Analyse habe schließlich ergeben, dass Tegut „langfristig wirtschaftlich nicht zukunftsfähig" sei.
Man muss sich diese Formulierung auf der Zunge zergehen lassen: Nicht zukunftsfähig. In einem Land, in dem die Energiekosten explodieren, die Bürokratie jedes unternehmerische Handeln erstickt und die Kaufkraft der Bürger durch eine galoppierende Inflation systematisch zerrieben wird, überrascht dieses Urteil kaum noch jemanden. Deutschland, einst Wirtschaftslokomotive Europas, wird zunehmend zum Friedhof ambitionierter Geschäftsmodelle.
Edeka und Rewe teilen die Beute auf
Doch was geschieht nun mit den knapp 300 Filialen? Migros habe sich nach gescheiterten Versuchen, einen branchenfremden Käufer zu finden, an die etablierte Konkurrenz gewandt. Ein Vertrag mit Edeka sei bereits unterschrieben, bestätigte der Schweizer Konzern. Edeka werde einen „wesentlichen Teil" der Tegut-Standorte übernehmen – nach Brancheninformationen etwa die Hälfte. Dazu gehörten neben einem großen Teil des Filialportfolios auch das Logistikzentrum im hessischen Michelsrombach, die Herzberger-Bäckerei sowie die Smart Retail Solutions, die die innovativen Teo-Standorte in Deutschland betreibt.
Rewe sichere sich darüber hinaus eine hohe zweistellige Zahl an Geschäften. Allerdings – und hier lauert die nächste Unwägbarkeit – fehle noch die Zustimmung des Kartellamts. Ob alle Übernahmen tatsächlich genehmigt werden, steht also keineswegs fest. Für die betroffenen Mitarbeiter bedeutet das: Wochen, vielleicht Monate der Ungewissheit.
Konzentration im Einzelhandel nimmt bedrohliche Ausmaße an
Was bei all dem kaum thematisiert wird, ist die fortschreitende Marktkonzentration. Edeka und Rewe dominieren den deutschen Lebensmittelhandel ohnehin bereits mit erdrückender Marktmacht. Wenn nun auch noch die Tegut-Filialen unter den Großen aufgeteilt werden, schrumpft die Vielfalt im Einzelhandel weiter. Der Verbraucher mag kurzfristig davon nichts spüren – langfristig aber dürfte weniger Wettbewerb kaum zu sinkenden Preisen führen. Ganz im Gegenteil.
Tegut ist dabei keineswegs ein Einzelfall. Erst kürzlich musste die zum Edeka-Verbund gehörende Kette Feneberg Insolvenz anmelden. Das Muster ist stets dasselbe: Steigende Kosten, sinkende Margen, ein regulatorisches Umfeld, das kleinere und mittelgroße Akteure systematisch benachteiligt. Während die Politik sich mit ideologischen Prestigeprojekten beschäftigt und ein 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen auf den Weg bringt, das kommende Generationen mit Schulden belastet, sterben traditionsreiche Unternehmen leise vor sich hin.
Migros nimmt bei dem Rückzug aus Deutschland extrem hohe Abschreibungen in Kauf – ein unmissverständliches Signal dafür, wie toxisch der deutsche Markt für ausländische Investoren geworden ist.
Ein Symptom des deutschen Niedergangs
Das Ende von Tegut ist mehr als nur eine Fußnote in der Geschichte des deutschen Einzelhandels. Es ist ein weiteres Symptom eines schleichenden wirtschaftlichen Niedergangs, den die politisch Verantwortlichen in Berlin offenbar nicht wahrhaben wollen. Wenn selbst ein finanzstarker Schweizer Konzern wie Migros lieber Milliardenverluste abschreibt, als weiter in den Standort Deutschland zu investieren, dann sollte das als Alarmsignal verstanden werden. Doch wer hört schon hin, wenn die Sirenen längst zur Dauerbeschallung geworden sind?
Für die 7.400 Tegut-Mitarbeiter bleibt die bange Frage, ob sie bei Edeka, Rewe oder anderswo unterkommen – oder ob sie zu den Verlierern einer Wirtschaftspolitik werden, die den Mittelstand und den Einzelhandel seit Jahren im Stich lässt. Deutschland verliert eine weitere Marke. Und mit ihr ein Stück Vielfalt, das nicht so leicht zu ersetzen sein wird.
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