
ZDF-Hofberichterstattung: Wie der Staatsfunk das Auswärtige Amt in Watte packt
Man stelle sich vor, ein öffentlich-rechtlicher Sender produziert eine vierteilige Dokumentationsreihe über eines der umstrittensten Ministerien der vergangenen Jahre – und vergisst dabei schlicht, auch nur eine einzige kritische Frage zu stellen. Was klingt wie eine Satire aus der Feder eines besonders zynischen Kabarettisten, ist seit wenigen Tagen in der ZDF-Mediathek Realität geworden. „Die Diplomaten – Inside Auswärtiges Amt" nennt sich das Werk, das über zweieinhalb Stunden lang den Zuschauer mit einer Mischung aus Imagefilm und politischer Einschläferung beglückt.
Schwimmen am Beckenrand statt journalistischer Tiefgang
Die Pressemappe des Senders verspricht vollmundig einen Blick in eine „verborgene Welt hinter verschlossenen Türen". Über ein Jahr lang habe man Diplomaten rund um den Globus begleitet – von Washington über Jerusalem bis zu den Fidschi-Inseln. Doch wer sich nun auf investigativen Journalismus freut, wird bitter enttäuscht. Statt eines echten Tiefgangs paddeln die Reporter vorsichtig am Beckenrand entlang, peinlich darauf bedacht, niemandem auf die Füße zu treten. Die wirklich brisanten Fragen? Werden konsequent ausgespart.
Wo bleibt etwa die Aufarbeitung der Visa-Affäre, bei der es um die Einreiseermöglichung nach Deutschland trotz gefälschter Pässe ging? Wo die kritische Beleuchtung dubioser Aufnahmezusagen für vermeintliche afghanische Ortskräfte, in deren Zusammenhang immerhin die Staatsanwaltschaft ermittelte? Für die ZDF-Macher offenbar ein zu heißes Eisen. Man könnte ja jemanden verärgern – und dann womöglich beim nächsten Mal nicht mehr mitfliegen dürfen.
Das übliche Feindbild: Amerika und Israel
Was die Dokumentation an journalistischer Substanz vermissen lässt, macht sie durch ideologische Schlagseite mehr als wett. Die erste Episode widmet sich fast vollständig dem deutsch-amerikanischen Verhältnis – und gerät dabei zur erwartbaren Abrechnung mit Donald Trump. Der US-Präsident wird als unberechenbarer Störenfried gezeichnet, während die Frage, ob sich nicht vielleicht Europa von den USA entfernt hat und nicht umgekehrt, gar nicht erst gestellt wird.
Besonders entlarvend: Während der deutsche Botschafter in Washington, Jens Hanefeld, sich tatsächlich diplomatisch zurückhält, dürfen diverse Journalisten und Kommentatoren unwidersprochen behaupten, die USA seien „kein verlässlicher Bündnispartner mehr" und verhielten sich „manchmal wie ein Gegner". Antiamerikanische Ausfälle deutscher Politiker? Kein Thema. Die Tatsache, dass Deutschland weltpolitisch längst am Katzentisch sitzt und sich Bedeutung eben nicht mit noch so vielen Milliarden Euro kaufen lässt? Wird allenfalls am Rande gestreift, ohne die eigentlichen Ursachen zu benennen.
Israel-Berichterstattung mit gefährlicher Schieflage
Noch problematischer wird es in der zweiten Folge, die sich dem Nahen Osten widmet. Dem Terrorangriff vom 7. Oktober, der den gesamten Gaza-Krieg auslöste und bei dem über tausend israelische Zivilisten bestialisch ermordet wurden, werden weniger als 60 Sekunden eingeräumt. Die Palästinenser in der Westbank hingegen bekommen fast zehn Minuten – natürlich ausschließlich als Opfer dargestellt.
Besonders bemerkenswert: Die stellvertretende Leiterin der deutschen Vertretung in Ramallah, Ulrike Borrmann, vergleicht an der israelischen Grenzanlage diese allen Ernstes mit der Berliner Mauer. Dass die Anlage als Reaktion auf den mörderischen Intifada-Terror der Palästinenser errichtet wurde, während die Berliner Mauer ein Volk einsperrte, das in die Freiheit wollte – dieser fundamentale Unterschied bleibt unerwähnt. Ein Vergleich, der an Geschichtsvergessenheit kaum zu überbieten ist.
Dass der ehemalige Botschafter Steffen Seibert – ein Quereinsteiger ohne jede diplomatische Erfahrung, der seinen Posten als Belohnung für treue Regierungssprecherdienste unter Angela Merkel erhielt – die israelische Regierung mehrfach derart brüskierte, dass er einbestellt wurde, erfährt der Zuschauer ebenfalls nicht. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass Annalena Baerbock 17 Israel-Hasser ins Auswärtige Amt einlud.
Baerbocks Scherben im Weichzeichner
Teil drei der Reihe hätte die Chance geboten, die desaströse Amtszeit der grünen Außenministerin kritisch aufzuarbeiten. Stattdessen darf Baerbock im Weichzeichner glänzen. Sie habe das Auswärtige Amt „moderner, diverser, wertebasierter" machen wollen, heißt es wohlwollend. Für die einen sei sie „zu moralisch, zu belehrend" gewesen, für die anderen „nicht konsequent genug". Eine diplomatische Formulierung, die den tatsächlichen Schaden elegant kaschiert.
Denn was alles gnädig unter den Tisch fällt, ist beachtlich: Baerbocks öffentliche Aussage „Wir befinden uns im Krieg mit Russland", die diplomatisch einer Bombe gleichkam. Ihre Bezeichnung des chinesischen Staatschefs als „Diktator Xi". Die lautstarke Auseinandersetzung mit Israels Premierminister Netanjahu. Die ideologisch motivierte Umbenennung des traditionsreichen Bismarck-Zimmers im Auswärtigen Amt. Die Abschaffung essenzieller Eignungstests für Bewerber, wodurch die einst hohen Standards der deutschen Diplomatenauswahl geschleift wurden. All das – kein Wort.
Stattdessen sehen wir minutenlange Szenen, in denen Baerbock ihrem Nachfolger Johann Wadephul ihr Büro bei den Vereinten Nationen zeigt. Ein Herz und eine Seele, als hätte es nie Kritik gegeben. Was für ein Armutszeugnis für den öffentlich-rechtlichen Journalismus.
Die Klima-Erzählung darf natürlich nicht fehlen
Damit auch wirklich jedes ideologische Kästchen abgehakt wird, verschlägt es die Dokumentation in der vierten Folge auf die Fidschi-Inseln. Dort darf eine indigene Frau dem deutschen Botschafter erklären, sie sei „überzeugt, dass wir Menschen für den Klimawandel verantwortlich sind". Das musste offenbar unbedingt noch sein – schließlich wäre eine ZDF-Produktion ohne die große Klimaerzählung so unvollständig wie ein Grünen-Parteitag ohne Gendersternchen.
Immerhin blitzt kurz ein interessanter Aspekt auf: die Mechanik internationaler Diplomatie nach dem Prinzip „Gibst du mir, geb' ich dir". Pazifische Inselstaaten unterstützen bei den Vereinten Nationen Resolutionen gegen Russland, dafür erhofft sich Deutschland Unterstützung für eigene Kandidaturen bei wichtigen Posten. Doch kaum wird es spannend, wendet sich die Kamera schon wieder ab. Tiefgang? Nicht mit dem ZDF.
Katzbuckeln vor der Macht – auf Kosten der Gebührenzahler
Was bleibt nach zweieinhalb Stunden? Die ernüchternde Erkenntnis, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland längst nicht mehr als kritisches Korrektiv der Politik fungiert, sondern als deren willfähriger Hofberichterstatter. Man katzbuckelt vor den Mächtigen, damit man weiterhin mitreisen darf – und produziert dann solch verzichtbare Lobhudeleien, für die der Bürger auch noch zwangsweise bezahlen muss.
Die 13.000 Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes werden als fleißige, kompetente Weltbürger porträtiert, die keinen „Nine-to-five"-Job machen und hart arbeiten. Mag sein. Doch ein Journalismus, der sich darauf beschränkt, die Selbstdarstellung eines Ministeriums ungeprüft zu übernehmen, hat seinen Namen nicht verdient. Er ist nichts anderes als staatlich finanzierte Propaganda – verpackt in hübsche Bilder von Fidschi-Inseln und New Yorker Jogging-Runden.
Einen Ausstrahlungstermin im linearen Fernsehen gibt es übrigens noch nicht. Sollte er kommen, wäre ein Sendeplatz gegen halb eins nachts wohl die angemessenste Wahl. Dann stört die Sendung wenigstens niemanden beim Einschlafen.
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